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          (Text: Karl Presser)

 


 


Die fast vergessenen Warmwalzwerke an der Saar  

 

 

Die Erzeugung warmgewalzter Stähle war auf den saarländischen Hütten schwerpunktmäßig auf Profile, Träger und Drähte, also so genannte "Langprodukte" ausgerichtet. Lediglich in Dillingen und Hostenbach wurden auch Bleche, also "Flachprodukte" hergestellt. Bleche braucht man, abhängig von der Stärke, für Stahlkonstruktionen aller Art wie Brücken, Schiffe, Panzer etc. Die bekannteste genietete Stahlkonstruktion unter Verwendung von Blechen ist der Eiffelturm. Aus dünneren Blechen werden die berühmten Riffelbleche hergestellt, die als Belag von Brücken, Abdeckung von Schächten oder als Decksbelag von Schiffen dienen.

 

Warmwalzwerke können Anlagenteile eines Hüttenwerkes sein oder räumlich getrennt von einem Hüttenwerk errichtet werden. In ihnen wird das Halbzeug (Vormaterial, das schon einen Verarbeitungsschritt hinter sich hat und als gegossener oder gewalzter Block angeliefert wird) einer nächsten Bearbeitungsstufe zugeführt. Die wesentlichen Prozess- schritte im Warmwalzwerk sind das Erwärmen des Halbzeugs auf etwa 1200 °C Walztemperatur, der eigentliche Warmwalzprozess, das Entzundern des gewalzten Materials (dabei wird eine Oxydschicht, die beim Walzen entsteht, mit Druckwasser von der Oberfläche entfernt) und Säubern sowie das anschließende Richten, Kühlen und Zuschneiden auf verkaufsfähige Abmessungen.

 

Der Walzvorgang selbst findet in Walzgerüsten statt, die mit einer unterschiedlichen Anzahl und Anordnung von Walzen ausgerüstet sind. Diese Gerüste können nebeneinander stehen und von einer einzigen Maschine angetrieben werden oder mit Einzelantrieben hintereinander angeordnet sein.

 

Das Bild aus dem Hostenbacher Blechwalzwerk zeigt ein Duo-Walzgerüst mit Wippe zur Rückführung des Materials über die Oberwalze. Unten sind in der Wanne saftige Birkenreiser zu erkennen. Sie wurden zur Entfernung des Walz-Zunders auf das glühende Blech geworfen, platzten durch die Hitze dort, und der Zunder wurde so abgesprengt.

 

Walzgerüste für große Abmessungen sind oft Einzelgerüste mit meist drei (Trio-Gerüst) oder vier Walzen (Quarto-Gerüst) für Grobblech wie etwa in Dillingen, und Antriebsleistungen im Megawatt-Bereich. Schwere Gerüste wurden teilweise, so auch in Völklingen, sogar über die 50er-Jahre hinaus noch mit Dampfmaschinen betrieben.

 

 

Das Hostenbacher Blechwalzwerk

 

Rudolf Weber war im Siegerland geboren, sein Vater hatte ein Blechwalzwerk in Dortmund. Er begann 1893 in Hostenbach mit dem Bau eines Werkes, das aus Halbzeug der saarländischen oder lothringischen Hüttenwerke Blechewalzen sollte. Um nicht völlig von den Hüttenwerken abhängig zu sein, baute er ein eigenes Siemens-Martin-Stahlwerk mit drei Öfen. Bereits 1912 verkaufte er das gesamte Werk an die Burbacher Hütte, die zur gerade neu gegründeten ARBED gehörte. 1924 wurde das Stahlwerk stillgelegt und das notwendige Halbzeug wurde fortan aus Burbach angeliefert. Ab 1936 konnte Koksgas über eine Fernleitung von dort bezogen werden. Das eigentliche Walzwerk bestand von den 30er Jahrenan aus drei in einer Reihe stehenden gekuppelten Gerüsten mit jeweils zwei Walzen. 1934 wurde ein Elektromotor mit 2000 PS als Antriebsmaschine beschafft. Eine Umkehr der Walzrichtung, das „Reversieren“, war nicht möglich.

 

Nach dem Krieg waren die Schäden an Anlagen und Gebäuden erheblich. Abhängig von den Halbzeuglieferungen und der Gasversorgung aus Burbach konnte das Werk nach Beseitigung der Schäden erst im September 1948 wieder angefahren werden. Die Produktion pendelte sich in den 50er-Jahren auf rund 100 000 Tonnen pro Jahr ein. Während dieser Zeit arbeiteten dort im Schnitt 350 Beschäftigte. Die Belegschaft kam überwiegend aus Hostenbach und den umliegenden Gemeinden.

 

Zum Bild oben: Vorne sieht man das Hostenbacher Blechwalzwerk; hinter den beiden Schlackenhalden "Hermann und Dorothea" erkennt man die Völklinger Hütte.

 

Mit dem ersten Gerüst konnten damals Bleche bis 50 mm Dicke gewalzt werden. Das zweite Gerüst wurde als Fertiggerüst für Mittelbleche benutzt. Auf dem dritten Gerüst gelang es sogar, Bleche unter 3 mm Stärke zu walzen. Hauptsächlich wurde es eingesetzt, um mit speziellen Walzen die Oberfläche von Blechen zu riffeln. Die maximale Blechbreite betrug 2200 mm, Riffelbleche wurden bis zu einer Breite von 1500 mm hergestellt. Die gewalzten Längen lagen zwischen 2000 und 6000 mm.

 

Die Produktionsanlagen wurden über die Jahre hinweg mit einzelnen, teilweise gebrauchten Komponenten und Anlagenteilen verbessert, aber nicht grundlegend modernisiert.

 

Das Werk, im Volksmund nur Blechwerk genannt, wurde 1972 geschlossen. Die angegebenen Gründe waren unter anderem veraltete Anlagen, hoher Anteil von Handarbeit, aber auch fehlende Rohstahlkapazität in Burbach und Quotenregelungen in der Stahlindustrie.
 

 

Das Bouser Röhrenwerk

 

1886 gründeten Saarbrücker Industrielle zusammen mit den Familien Mannesmann und später auch Siemens eine Gesellschaft zur Herstellung von Röhren nach dem neuen Mannesmann-Patent für das Schrägwalzen. Ein Werk hierfür wurde in Bous gebaut. Ende 1887 begann man mit dem Betrieb. Insgesamt war das Vorhaben aber erst erfolgreich, als Mannesmann als weiteren Prozessschritt das Pilgerschritt-Walzverfahren erfand. Zur Versorgung mit rundem Halbzeug übernahm Bous 1906 das Gussstahlwerk Saarbrücken.

 

Nach dem ersten Weltkrieg fiel das Unternehmen an die Société Anonyme des Aciéries et Usines à Tubes de la Sarre (SAUTS) in Paris. Mannesmann behielt eine Minderheitsbeteiligung und kaufte 1935 das Werk in Bous zurück, nicht jedoch das veraltete Gussstahlwerk in Saarbrücken.

 

Typische Produkte waren, neben Standard-Rohren, druckfeste Flaschen für Sauerstoff und andere Gase sowie kaltgezogene Rohre. Die Versorgung des Werkes mit Halbzeug erfolgte jetzt vorwiegend vom Mannesmann Hüttenwerk in Huckingen.

 

1939 baute Mannesmann die Bouser Anlagen so weit als möglich ab und verlagerte die Ausrüstung ins „Reich“. Später wurden Teile rückgeführt und ab 1941 die Produktion wieder aufgenommen.

 

1946 kam das Werk unter Sequesterverwaltung, um dann 1950 entschädigungslos an die französische SUTS, die Société des Usines à Tubes de la Sarre in Paris übereignet zu werden (aus dieser Zeit stammt das Bild rechts.) Sie war die direkte Nachfolgeorganisation der noch bestehenden SAUTS aus den 30er Jahren. Mannesmann konnte eine Minderheitsbeteiligung behalten.

 

Bleibenden Eindruck in Bous hinterließ deren eingesetzter französischer Werksleiter. Er beanspruchte von drei vorhandenen Dienstwagen zwei für sich persönlich, natürlich damals mit Chauffeur. Zusätzlich ordnete er für sich ein Dienstmädchen und drei Gärtner ab. 1957 wurden trotzdem etwa 70 000 t Rohre auf drei Pilgerstraßen produziert. Der Personalstand lag bei weit über 1000 Mitarbeitern.

 

In der Übereignung an SAUTS war 1950 glücklicherweise festgelegt, dass im Falle einer Rückgliederung des Saarlandes über die Besitzverhältnisse neu verhandelt werden müsse. So konnte sich Mannesmann ab 1960 als Mehrheitsaktionär an SUTS beteiligen. Man firmierte in Bous als Röhrenwerke Bous/Saar GmbH. Vormaterial in Form von Rohrluppen lieferte Mannesmann aus seinem Werk Remscheid und durch Kronprinz in Solingen.

 

Um die Versorgung mit Halbzeug zu sichern, wurde bereits in den 50er-Jahren ein Elektrostahlwerk geplant, das 1961 mit einem 50-t-Lichtbogenofen in Betrieb ging.

 

 

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre begann bei den nahtlosen Stahlrohren die Zusammenarbeit von Mannesmann mit der französischen Vallourec. Sie firmierte unter Vallourec & Mannesmann Tubes (V&M).

 

 

Im Rahmen der anschließenden Kapazitätsanpassung wurde das Röhrenwerk in Bous 1998 geschlossen. Das Elektrostahlwerk produziert heute noch Halbzeug, auch für V&M, jedoch als selbstständige GmbH innerhalb der Georgsmarienhütte Holding mit Sitz in der Nähe von Osnabrück.

 


 

Fotonachweise: Die ersten beiden Bilder dieser Seite (Hostenbach) wurden mit freundlicher Genehmigung dem Buch 'Hostenbach und sein Blechwalzwerk 1895-1972' von Harald Kaufmann (1997) entnommen. Das erste Bild vom Röhrenwerk Bous: Mannesmann Röhren-Werke Bous. Das zweite Bild ist ein Ausschnitt aus einer Bouser Postkarte aus den 50er-Jahren.

 

Verwendete Literatur:

Kaufmann, Harald. Hostenbach und sein Blechwalzerk 1895-1972, Eigenverlag 1997

Wessel, Horst A. Erfolgreich unter verschiedenen Flaggen. Die Geschichte des Mannesmannröhren-Werkes in Bous/Saar und seiner Stahlwerke 1886-1998, Klartext-Verlag, 2007

 


 

 

 

Inhalt des Kapitels Industrie im Saarland:

 

Allgemeines; Sequesterverwaltung

Bergbau im Saarland (Saar-Gruben)

Hüttenwerke

Kokereien

Warmwalzwerke ( diese Seite)

Glasindustrie 

 


                                                                                 Diese Seite wurde erstellt am 6.1.2013 und zuletzt bearbeitet am 18.5.2016

 

 

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