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         Schule im Saarstaat


 

 

Sicher haben viele unserer älteren Leserinnen und Leser noch lebhafte Erinnerungen an ihre Schulzeit in den 50er-Jahren. Seitdem hat sich vieles verändert. Damals achteten z. B. die Eltern noch darauf, dass ihre Kinder nur in ordentlichen Kleidern zur Schule gingen, und für das Lehrpersonal bestand die übliche Dienstkleidung aus Bluse und Kostüm bzw. Anzug und Krawatte.

 

In jedem Klassenzimmer und Schulsaal im teilautonomen Saarland musste ein Bild mit dem Saarland-Wappen an der Wand hängen (erst am 1. Juni 1956 wurden in allen Schulen die Wappen abgehängt), sowie ein Kruzifix. (Zum Thema Religion siehe auch unten im Abschnitt C).

(Foto rechts: Rainer Freyer mit frdl. Genehm. des Historischen Museums Saarbrücken)  

 

Die Verteilung der Schüler(innen) auf die einzelnen Schularten war in den 50er-Jahren deutlich anders als heute. Im Alter von 14 Jahren besuchten 1955 etwa 74 % der saarländischen Jugendlichen die Volksschule, lediglich 9% die Mittelschule und 16 % das Gymnasium. Von den letzteren schaffte fast die Hälfte das Abitur schließlich aber nicht (siehe auch am Ende von Abschnitt D 3).

 

In allen Schulformen gab es für Mädchen und Jungen getrennte Schulen. Nur in den untersten Klassen der Volksschulen durften bei Raummangel beide Geschlechter gemeinsam unterrichtet werden. Die Koedukation für ältere Schülerinnen und Schüler begann sich erst in den 60er-Jahren durchzusetzen.

 

Die meisten Schüler brachten ihre Schulbrote von zu Hause mit, ein Verkauf durch den Hausmeister kam erst später in Gang. Im Juli 1955 wurde eine "Schulmilchspeisung" eingeführt. Die örtlichen Molkereien lieferten die Milch in 1/4-l-Fläschchen bei den Schulen an, und der Hausmeister und/oder seine Helfer verteilten sie kostenlos an die Schüler. Ab Anfang 1956 wurde jeder Schule sogar ein Milchwärmeschrank zur Verfügung gestellt.

 

Anfänglich dauerten die Schuljahre im Saarland jeweils (wie heute) vom 1. September bis zum 31. August des folgenden Jahres. 1956/57 gab es ein sogenanntes Kurzschuljahr; es endete bereits am 31. März 1957 und umfasste somit nur sieben Monate. Von da an gingen die Schuljahre vom 1. Mai bis Ende März. Im Jahr 1966 erfolgte eine erneute Umstellung dieser Regelung auf die frühere Methode.

 

Die Schuljahre waren erst ab 1959 in je zwei Halbjahre eingeteilt; bis dahin wie in Frankreich in drei Tertiale (Jahresdrittel) von jeweils drei bis vier Monaten Dauer. Zum Ende jedes Tertials gab es ein Zeugnis, nämlich vor Weihnachten, vor Ostern und zum Schuljahresende. In einigen Schulen wurde den Kindern jedesmal ein gesondertes Zeugnisformular ausgehändigt. In anderen Schulen erhielten sie zu ihrem allerersten Zeugnistermin ein Heft, in das der Klassenlehrer danach dreimal jährlich die Noten eintrug. Nach den Ferien sammelte er die Zeugnishefte mit der Unterschrift mindestens eines Elternteils wieder ein. Ab 1960 wurden auch an diesen Schulen Zeugnisformulare ausgegeben.

 

Die Schulnoten waren im Saarland nicht nach dem (1938 eingeführten) deutschen Sechsstufen-System eingeteilt, sondern nach dem französischen 20-Punkte-Schema. 20 Punkte: sehr gut, 0 Punkte: ungenügend. Erst ab Ende 1956 übernahm man das deutsche Notensystem (1 bis 6); die Noten, z.B. "gut" oder "mangelhaft", mussten in den Zeugnissen in Worten ausgeschrieben werden.

 

Nicht nur Lehrer- und/oder Raummangel waren manchmal Anlass für Schulausfall: 1951 ordnete das Kultusministerium z.B. an, dass der Unterrichtsbeginn nach den Sommerferien im gesamten Saarland wegen der auch hier ausgebrochenen Spinalen Kinderlähmung um sechs Wochen vom 20. August auf den 1. Oktober 1951 hinausgeschoben wurde.

Körperliche Züchtigung war damals durchaus noch ein Element der Pädagogik. Sie wurde bis zum Ende der Mittelstufe angewandt, sogar an den Gymnasien. Mädchen wie Buben wurden an den Ohren gezogen, bekamen Ohrfeigen oder Schläge mit dem Lineal auf die Finger, oder wurden, meist in der Volksschule, "über die Bank gelegt" und mit Stockhieben auf das Hinterteil bestraft. Eigentlich war die körperliche Strafe seit einer Regierungsverfügung von 1948 im Saarland "grundsätzlich verboten". Im März 1954 erläuterte Schulrat W. Hard in der 'Elternpost' (Beilage zur monatlichen 'Schulpost') ausführlich, dies bedeute, dass das Verbot "im allgemeinen" gelte, dass es aber auch besondere Ausnahmefälle geben könne, die eine solche Strafe trotzdem rechtfertigten.

 

Das Amt des Kultusministers im halbautonomen Saarland übten nacheinander aus:

Emil Straus (1947 bis 1951), Erwin Müller (1951 und 1952), Franz Singer (1952 bis 1954) und Johannes Hoffmann (1954 bis 1955); alle gehörten der CVP an (siehe am Ende unserer Zeittafel).

 

 

A) Neubeginn nach dem Krieg

 

 

Schon ab 1943 hatte der Schulbetrieb im Saarland - wie in den meisten Teilen Deutschlands - aufgrund der Kriegshandlungen erhebliche Einschränkungen erlitten. Im Sommer 1944 musste er vollständig eingestellt werden. Auch als im März 1945 die Amerikaner und ab Juli die Franzosen das Land besetzten, war an seine Wiederaufnahme noch lange nicht zu denken. Erst nachdem die meisten Familien aus der Evakuierung zurückgekehrt waren, wurde der Schulbetrieb nach einer über 15-monatigen Unterbrechung am 1. Oktober 1945 offiziell wieder eröffnet; in einigen Ortschaften konnte er erst im Januar 1946 beginnen.

 

Aber vieles war nicht mehr so wie vor dem Krieg. Viele Schulgebäude waren zerstört oder stark beschädigt und fast alle Lehr- und Lernmittel unbrauchbar geworden. In Saarbrücken waren 16 Schulhäuser vollständig vernichtet, vier stark beschädigt und nur acht erhalten geblieben. Obwohl es überall an brauchbarem Baumaterial fehlte,versuchte man, unter der aufopfernden Mithilfe der Lehrer die Gebäude notdürftig zu reparieren; oder man suchte Ersatzräume. In Weiskirchen funktionierte man z.B. einen Dachboden zur provisorischen Schule um, und die Kinder saßen auf Zustellbänken aus der Kaiserzeit. An anderen Schulen behalf man sich mit Schichtunterricht: die Jungen kamen morgens, die Mädchen nachmittags, am nächsten Tag umgekehrt. An einen geregelten Schulbetrieb war lange nicht zu denken, weil es überall an Kreide und Schwämmen oder Lappen mangelte, und im Winter an Heizmaterial: Kinder mussten zum Holzsammeln mit in die Wälder gehen. Erst in den nachfolgenden Jahren konnte man einen Großteil der kriegsbeschädigten Schulhäuser reparieren oder neu aufbauen, und in zahlreichen Städten und Gemeinden entstanden neue Schulgebäude.

 

Auf dem Bild sieht man die Trümmer der Kablé-Schule 1945 am Saarbrücker Theaterplatz, im Hintergrund den Turm der Alten Ev. Kirche. (Foto: Landesarchiv Saarbrücken; Std. 0, Abb. Nr. 29.)    

 

Nach dem Krieg erschienen zunächst nur wenige Lehrer zum Dienst, weil die meisten ihrer Kollegen entweder gefallen oder kriegsversehrt waren, und weil man viele von ihnen im Rahmen von Entnazifizierungsmaßnahmen aufgrund ihrer Aktivitäten im Dritten Reich versetzt bzw. entlassen hatte. Wegen des Lehrermangels wurden teilweise riesige Klassen mit 60 bis über 70 Schülern je Lehrkraft gebildet. [1]

 

Kinder kamen oft nicht zur Schule, weil es allenthalben an Kleidung und Schuhen mangelte - und an Nahrungsmitteln; viele mussten mit ihren Müttern auf Hamsterfahrt gehen. Die 'Schweizer Hilfe' führte von September 1946 bis Juli 1947 in Saarbrücken und anderen Gemeinden eine Schulspeise-Aktion für die 'Ruinenkinder' verschiedener Schulen durch, und aus Irland erreichte eine ähnliche Hilfe die Cecilienschule (in einem "Dankebuch" schrieben Kinder der Schule nach Irland: Von seiner Insel überm Meer schickt Irland viele Speisen her. Zucker, Schinken, Fett und Speck, zu einem ganz besondern Zweck... Bild: Tony O'Herlihy, Irland)

 

Auch die innere Verfassung der Kinder, Eltern und Lehrer nach dem schrecklichen Krieg behinderte eine nutzbringende Gestaltung des Schullebens. An einen erfolgversprechenden Unterricht war lange nicht zu denken. Traumatisierte und hungernde Jungen und Mädchen waren nur schwer für ein erfolgreiches Lernen zu gewinnen.

 

Wenn eine Schule im "Dritten Reich" einen neuen Namen bekommen hatte, wurde sie jetzt wieder umbenannt. So erhielt die Schlageterschule in Völklingen ihre frühere Bezeichnung "Realgymnasium Völklingen" zurück.

 

Außer Schulnamen wurden nun auch die Lehrpläne und Lehrmittel entnazifiziert. In Bezug auf die Unterrichtsinhalte musste nach dem Niedergang des National- sozialismus eine totale Wende im Bildungswesen eingeleitet werden. Dazu war es notwendig, ein vollkommen neues Erziehungssystem mit diametral entgegenge- setzten Idealen auf die Beine zu stellen.

 

Etliche Lehrer sollen aber trotz Entnazifizierung nach dem Krieg und sogar noch bis in die 50er-Jahre hinein in ihrem Unterricht keinen Hehl daraus gemacht haben, dass sie bis zum Kriegsende fanatische Nazis waren. Einige hätten sogar stolz von ihrer SA-Mitgliedschaft erzählt und Hitler verherrlicht.

 

Wenn überhaupt noch alte Bücher vorhanden waren, konnten sie wegen ihres Inhalts oft nicht mehr verwendet werden. Für fast alle Schulfächer mussten neue Lehrpläne und darauf aufbauend neue Schulbücher erstellt werden. Einige Schüler behalfen sich mit dem Abschreiben noch vorhandener Bücher von Klassenkameraden und kamen so z.B. wieder zu einem eigenen Exemplar von Caesars 'De Bello Gallico' - falls sich genügend leeres Papier dafür auftreiben ließ, denn es herrschte auch ein großer Mangel an Schreibpapier, Heften und sonstigem Material.

 

Bild: Ausweiskarte für den Kauf von Schulheften, Schreibutensilien und Büchern

 

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[1] Als ich 1948 in die 1. Klasse der Bachschule Neunkirchen kam, waren darin etwa 70 Buben und Mädchen mit nur einer Lehrerin! (R.F.)

 

 

Lesen Sie zum Thema des Teils A) auch den persönlichen Bericht von Friedrich Fess (Altenkessel) auf unserer Seite mit seinen Erinnerungen, unter Punkt 2) "Januar 1945 bis etwa Herbst 1954".

 

 

 

B) Französisch ab der 2. Volksschulklasse

 

 

Schon in der Zeit von 1920 bis 1935 hatte die französische Grubenverwaltung im Saargebiet französische Volksschulen, die sogenannten Domanialschulen, eingerichtet. Damit wollte sie möglichst viele Jugendliche durch das Erlernen der Sprache an die französische Kultur heranführen. Das Ziel dabei war, dass sie sich von Deutschland abwenden und bei der für 1935 vorgesehenen Volksabstimmung dem Anschluss der Saar an Frankreich zustimmen sollten.

 

Nach dem 2. Weltkrieg bemühte sich die französische Besatzungsmacht erneut darum, die Saarländer mit der Kultur und besonders mit der Sprache Frankreichs vertraut zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen, führte sie im Sinne der 'pénétration culturelle' zahlreiche Maßnahmen ein: Sie sorgte dafür, dass in den Kinos hauptsächlich französische Filme liefen und auf den Bühnen zahlreiche französische Künstler auftraten. Und sie erfanden verschiedene Maßnahmen, um die Menschen an der Saar zum Erlernen der französischen Sprache zu bewegen. So boten sie z. B. abendliche Sprachkurse für Erwachsene an und führten eine Art "Zwangsunterricht" für alle vor jeder Kinovorstellung ein (Einzelheiten dazu in unserem Kapitel "Kino").

 

Bild links: Leibeserziehung für Mädchen  (Foto: Gerd Kügelgen)

 

 

Vor allem aber sorgten sie dafür, dass die saarländischen Kinder in der Volksschule einen intensiven Französischunterricht erhielten, und zwar als obligatorisches Hauptfach, und bereits vom 2. Schuljahr an. Jeder Lehrer musste ihn in seiner eigenen Klasse selbst erteilen. Ältere Kollegen wurden in besonderen Kursen ausgebildet, und für Lehramtsanwärter aller Fächer war Französisch zusätzliches Pflicht- und Prüfungsfach.

 

"Die Regierung des Saarlandes verpflichtet sich, in ihren Unterrichtsplänen aller Grade dem Studium der französischen Sprache im Verhältnis zu dem der anderen lebenden Sprachen einen bevorzugten Platz einzuräumen und das Studium der französischen Sprache vom zweiten Volksschuljahr obligatorisch durchzuführen." [2]

 

Also durften schon die Zweitklässler durch Anschauungsunterricht im Klassenzimmer lernen, was "la fenêtre" und "le garçon" bedeutet. Später benutzten sie ein extra für die saarländischen Volksschüler verfasstes Lehrbuch mit dem Namen "J'apprends le français". Vielen von ihnen hat das Französischlernen sicher auch kindlichen Spaß gemacht. Dabei war den Schülern aber nicht bewusst, dass ihnen hierfür jede Woche zwei (in der 2. Klasse), vier (in Klasse 3 und 4) und sogar fünf Stunden (5. bis 8. Klasse) vom übrigen Unterricht abgezwackt wurden. Diese fehlten ihnen in den anderen Fächern, denn die Gesamtstundenzahl wurde deswegen nicht erhöht. Ein Kritiker meinte später: "Hier tat man dem Kinde Gewalt an, man opferte es den politischen Plänen kalt und herzlos." [3]

 

Auch in den Mittelschulen und an den höheren Schulen wurde ein intensiver Französisch-unterricht erteilt: In allen Klassen war an jedem der sechs Wochentage eine Stunde "Franz" vorgeschrieben. Den Zwang zum Erlernen ihrer Sprache im Schulunterricht hatten die Franzosen sogar in der saarländischen Landesverfassung festschreiben lassen:

 

"Geschichte und politische Entwicklung des Saarlandes verpflichten alle Schulen zur Pflege des Geistes der Völkerversöhnung. Sie pflegen im Rahmen der christlichen und europäischen Kultur die deutsche Kultur und die deutsche Sprache und tragen durch die Lehre der französischen Sprache zur Entwicklung der kulturellen Beziehungen zwischen Frankreich und dem Saarland bei." (Art. 30).

 

Die Durchführung des französischen Sprachunterrichts wurde sorgfältig beaufsichtigt. Ende 1948 erhielt der Vertreter des Hohen Kommissars das Recht, zusammen mit dem zuständigen Schulrat beliebig oft Französischstunden an allen Schulen zu besuchen.

 

Allgemein gesehen wurde die umfassende Bildung der Schüler in der Saarstaatzeit auch dadurch beeinträchtigt, dass der deutsche Sprach- und Kulturraum in den Lehrplänen stark vernachlässigt wurde. Ziel war - wie schon während der Saargebietszeit vor 1935 - die endgültige Abkehr des Saarlandes von Deutschland. Vergebens versuchte die Lehrerschaft, sich dagegen zu wehren, dass man sie zum Mittel für dieses Vorhaben machte. Das Kultusministerium blieb in dieser Frage unerbittlich, jedenfalls bis nach 1955. Nach der politischen Angliederung der Saar an die Bundesrepublik wurde Französisch ab 11. März 1957 in den Volksschulen zu einem Wahlfach mit je vier Wochenstunden, und zwar erst vom 5. Schuljahr an.

 

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[2] Auszug aus dem saarländisch-französischen Kulturabkommen vom 15. Dezember 1948.

[3] Otto Früh. Der französische Sprachunterricht in den Volkschulen des Saarlandes. In: Altmeyer, Klaus (Hrsg.). Das Saarland. Ein Beitrag zur Entwicklung des jüngsten Bundeslandes in Politik, Kultur und Wirtschaft. Saarbrücken, 1958. Seite 283.

 

 

C) Religionsunterricht

 

 

Nachdem der Religionsunterricht im nationalsozialistischen Staat zwölf Jahre lang aus den Schulen verbannt worden war, wurde er nun wieder eingeführt. Artikel 29 der saarländischen Verfassung bestimmte, dass er an allen Volks- und Berufsschulen, an den mittleren und höheren Schulen sowie in den Lehrerbildungsanstalten wieder ordentliches Lehrfach war.

 

Er sollte "im Auftrag und im Einvernehmen mit den Lehren und Satzungen der betreffenden Kirchen und Religionsgemeinschaften" erteilt werden. Letztere waren dazu berechtigt, die Durchführung des Religionsunterrichts im Benehmen mit der zuständigen staatlichen Behörde zu beaufsichtigen. Diese musste auch den Lehrplan und die Lehrbücher genehmigen.

 

Foto: Kinderchor mit Chorleiter Fritz Kunkel in Dreisbach 1948 (Sammlung R. Freyer)

 

Die Schüler der Volksschulen erhielten in den Klassenstufen 3 bis 8 jeweils vier Stunden "Reli" in der Woche - natürlich nach Konfessionen getrennt. Sie wurden zumeist von einem Pfarrer bzw. Pastor erteilt, der viele Kinder und ihre Eltern bereits aus seiner Pfarrei kannte. Aus diesem Grund, und weil sie meist keine pädagogische Ausbildung genossen hatten, waren die Geistlichen bei den Schülern oft mehr gefürchtet als die Lehrer.

 

Einmal in der Woche, am Neunkircher Gymnasium z.B. immer mittwochs, fand während der ersten Schulstunde eine Schulmesse bzw. ein Schulgottesdienst in den Kirchen der beiden Konfessionen statt (der Unterricht begann dann erst in der 2. Stunde). Die Teilnahme war für die Schüler verpflichtend. Manchmal spürten die Lehrer, besonders bei den Katholiken, im Ort mögliche "Schwänzer" auf, was zumindest eine Mitteilung an die Eltern zur Folge hatte.

 

Wenn sie es für nötig oder wünschenswert hielten, konnten Eltern ihre Kinder an Schulen aller Schularten vom Religionsunterricht abmelden; in höheren Schulen durften Jugendliche ab 18 Jahren dies selbst tun. Schüler, die nicht am Fach Religion teilnahmen, sollten stattdessen gemäß Artikel 29 der Saar-Verfassung eine Art Ethikunterricht erhalten, der als "Unterricht in den allgemein anerkannten Wahrheiten des natürlichen Sittengesetzes" definiert war. Ein solcher fand aber selten wirklich statt; die Schüler nahmen stattdessen meist am allgemeinen Unterricht in anderen Klassen teil oder erhielten eine sogenannte "Stillbeschäftigung".

 

An drei der saarländischen höheren Schulen konnte man sich jedoch nicht vom Religionsunterricht abmelden, denn dort war Religion Pflichtfach. In Saarbrücken hatten z.B. 1950 die Speyrer Dominikanerinnen ("Arme Schulschwestern"), angeblich auf Betreiben Johannes Hoffmanns, die Marienschule mit Internat als private höhere Lehranstalt für katholische Mädchen gegründetet. Damit führten sie die Tradition der früheren Ursulinenschule weiter, die 1938 unter Hitler geschlossen worden war. Auch in St. Ingbert und in St. Wendel gab es während der Saarstaatzeit religiös geführte private Schulen, und nach 1960 wurden im Saarland weitere Schulen unter kirchlicher Leitung gegründet.

 

Kleine Anekdote aus der Marienschule: Hier herrschte in den fünfziger Jahren eine strenge Kleiderordnung. Die Mädchen durften die Schule nie in Hosen betreten, sondern nur in Rock oder Kleid. Doch was taten die externen frierenden Schülerinnen im Winter? Sie kamen in warmen langen Hosen zur Schule und streiften beim Betreten des Gebäudes einen züchtigen Rock darüber. Nach dem Unterricht versteckten sie die Röcke irgendwo im Schulhaus und gingen oder fuhren in ihren langen Hosen wieder nach Hause.

(Mündlicher Bericht einer damaligen Marienschülerin, geb. 1944)  

 

    

D) Die einzelnen Schularten

 

 

1) Volksschulen [4]        

 

 

a) Die saarländischen Volksschulen waren

    Bekenntnisschulen (Konfessionsschulen)

 

Schon während der Saargebietszeit (1920 - 35) waren die Schulen Bekenntnisschulen gewesen. Kurz nach der Eingliederung der Saar ins "Dritte Reich" hatte sie die nationalsozialistische Reichsregierung 1937 per Gesetz in Gemeinschaftsschulen umgewandelt. Als nach dem 2. Weltkrieg der Schulbetrieb im Oktober 1945 eröffnet wurde, verfügte Militärgouverneur Grandval, dass die Schulen wieder zu Konfessionsschulen wurden. Bei den Vorbereitungen zur Gründung des "Saarstaats" wurden 1947 in der Verfassung die Kirchen und Religionsgemeinschaften als Bildungsträger anerkannt (Art. 26) und die Wiedereinführung der Bekenntnisschule festgeschrieben (Art. 27). In der vorausgehenden Debatte der Verfassungskommission hatte Rolf Braun (SPS) keine Chance mit seinem Einwand, dass damit das ebenfalls in der Verfassung verankerte Elternrecht verletzt werde.

 

Die Mittelschulen, Berufsschulen und höheren Schulen wurden allerdings weiterhin als "christliche Gemeinschaftsschulen" geführt.

 

Das Bild oben zeigt katholische Mädchen mit Lehrerin in der so genannten "Roten Schule" in Völklingen, etwa 1953. Foto: Sammlung Karl Presser

 

 

Die Aufteilung der Schüler nach der Konfession führte in kleinen Schulen zu schwierigen Konstellationen. Dietrich Arbenz (Jahrgang 1941) berichtet, dass er die Volksschule in Heinitz (Grubendorf, später Ortsteil von Neunkirchen) besuchte. Das Schulgebäude für die 1. bis 4. Klasse war Ende der 40er Jahre eine - wohl von der Grube spendierte - Baracke mit nur zwei Räumen gewesen. In dem einen waren die 1. bis 4. Klasse der evangelischen Volksschüler, im anderen die 1. bis 4. Klasse der katholischen Schüler untergebracht. Heute kann er sich kaum noch vorstellen, wie eine Lehrerin in einem Raum gleichzeitig die Schüler der 1., 2., 3. und 4. Klasse unterrichten konnte.

Das Bild, aufgenommen im Winter des Schuljahres 1948/49, zeigt die 37 Schüler und Schülerinnen der 1. bis 4. evangelischen Volkschulklasse Heinitz sowie deren Lehrerin, Fräulein Kammer. Foto: Sammlung Dietrich Arbenz

 

b) Das Lehrpersonal der Volksschulen

 

In den ersten Jahren nach dem Krieg gab es an den Volksschulen sehr selten männliche Lehrer; auch später blieben sie dort in der Minderzahl. Die Lehrerinnen wurden alle mit "Fräulein" angesprochen, und man konnte von Kindern oft Sätze hören wie: "Die (!) Frollein hat gesaad..." Weibliche Lehrpersonen durften nicht verheiratet sein. Dies ging auf eine im 19. Jahrhundert eingeführte Zölibatsklausel zurück, die nach kurzzeitigen Unterbrechungen im 20. Jahrhundert bis in die 50er-Jahre weitergeführt wurde. Im Dienstrecht des Landes Baden-Württemberg bestand z.B. bis 1956 die Regelung, dass eine Lehrerin den Dienst quittieren musste, wenn sie heiratete [5]. Das so genannte Lehrerinnenzölibat wurde auch im Saarstaat praktiziert; es sollen gelegentlich aber auch Ausnahmen geduldet worden sein... Am 10. Mai 1957 hat das Bundesarbeitsgericht die Zölibatsklausel für Lehrerinnen schließlich als grundgesetzwidrig erkannt und damit für nichtig erklärt.

 

c) Ausbildung der Volksschullehrer

 

Schon kurz nach dem Krieg wurden 1946 im Saargebiet drei staatliche Lehrerseminare errichtet, und zwar in Saarlouis, St.Wendel und Saarbrücken. Voraussetzung für die Aufnahme in deren 1. Klasse waren ein Volksschulabschluss und ein Höchstalter von 16 Jahren. Nach der sechsjährigen Ausbildung in einem Lehrerseminar konnten die Absolventen (sie waren jetzt 20-22 Jahre alt) als Volksschullehrer angestellt werden. Diese Regelung wurde nach der Annahme der Verfassung des Saarlandes (am 15. Dezember 1947) gemäß Artikel 31 geändert. Von nun an hatte die Ausbildung der Volksschullehrer in konfessionell getrennten Lehrerbildungsanstalten zu erfolgen. Für die Anwärter(-innen), die katholischen Glaubens waren, wurde die Geschlechtertrennung eingeführt. Die Seminare zogen um, und von da an fand die Ausbildung zum Volksschullehrer in Lebach für katholische Knaben, in Blieskastel für katholische Mädchen und in Ottweiler für evangelische Knaben und Mädchen statt. Den Seminaren waren Internate angegliedert. Die schulpraktische Ausbildung der Seminaristen erfolgte in Übungsschulen. Die gesamte Ausbildung dauerte zunächst weiterhin sechs, ab 1951 sieben Jahre.

Klasse der Dellengartenschule 1948 (Foto von Annemarie Plewa, 2. Bank rechts)

Nach der Volksabstimmung wurde ab Anfang 1956 die Akademisierung der Volksschullehrerbildung in Angriff genommen. Sie sollte nun nach dem Muster der meisten deutschen Bundesländer erfolgen. Im Mai wurden dazu in Saarbrücken zwei konfessionelle Pädagogische Akademien gegründet. Abiturientinnen und Abiturienten konnten sich an der katholischen Peter-Wust- bzw. an der evangelischen Comenius-Hochschule einschreiben; das Studium umfasste anfangs vier Semester, später wurde die Mindeststudiendauer auf sechs Semester verlängert. Die bisherigen Lehrerseminare sollten auslaufen. [6]

 

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[4] Der Begriff "Volksschule" existierte in der Bundesrepublik noch bis 1964; erst seitdem spricht man von Grund- und Hauptschule. Eine "Hauptschule" hatte es auch schon im "Dritten Reich" gegeben (ab 1941).

[5] Siehe: http://www.jurablogs.com/2011/08/17/rechtsgeschichtliche-fundstuecke-familienrecht-fraeulein-lehrerin

[6] Siehe: http://www.schulmuseum-ottweiler.net/magazin/volksschullehrerbildung-im-saarland

 

 

2) Mittelschulen

 

Schon 1912 gründete Franz Joseph Niemann in der St.-Josef-Straße 27 in Saarbücken-Malstatt eine Städtische Mädchen-Mittelschule ("Cecilienschule"). Im Jahr 1916 wurde dort auch eine Knaben-Mittelschule eröffnet. Diese Schulform umfasste sechs Klassenstufen für 10- bis16-jährige Schülerinnen und Schüler.Sie war in ihrem Niveau zwischen Volksschule und Gymnasium angesiedelt. Ihre Aufgabe bestand darin, die Schüler darauf vorzubereiten, später einen der mittleren Berufe zu ergreifen. Pädagogischer Leitgedanke bei der Wissens- und Wertevermittlung war die "Ganzheit".

 

Beide Schulen wurden auch nach dem 2. Weltkrieg weitergeführt. In den ersten Jahren mussten sich die Mädchen- und die Knabenschule mittels "Schichtunterricht" (vor- bzw. nachmittags) das Schulgebäude teilen. Zudem war die Mittelschule anfangs durch Machenschaften der Verwaltungskommission und später des Kultusministeriums in ihrem Bestand stark bedroht. Man wollte sie durch eine Schule für Wirtschaft und Verwaltung oder ein so genanntes "Lycée moderne" ersetzen. Als beide Pläne scheiterten, versuchte man seitens des Ministeriums, sie aussterben zu lassen, indem man ihnen keine Volksschullehrer mehr zuwies und die Ausbildung von neuen Mittelschullehrern verhinderte. Erst nachdem Prof. Eugen Meyer 1951 als Direktor ins Kultusministerium einzog, wendete sich das Blatt. Die beiden Mittelschulen erhielten wieder genügend ambitionierte neue Lehrer, wurden vierzügig ausgebaut, und ihre Schülerzahl stieg auf insgesamt rund 2.000 Schüler an. Leiter der Knabenschule war nach 1945 Mittelschulldirektor Dr. Kiefer, die Mädchenschule wurde bis 1958 von Direktorin Bauer und danach von Direktor Haldy geleitet.

 

Raumlehreunterricht (Gerd Kügelgen)

 

Im Juni 1950 führte das Saarland für die Mittelschulen eine Abschlussprüfung ein, die aus einem schriftlichen und mündlichen Teil bestand und den Schülern die "Mittlere Reife" bescheinigte. Die Prüfung stellte in dieser Form ein Novum für das deutsche Mittelschulenwesen dar und wurde aus pädagogischen und psychologischen Gründen von vielen Lehrern abgelehnt - aber ohne Erfolg.

 

1956 zog die Mädchenmittelschule in das neu erbaute Schulhaus im Ludwigspark um, und die Jungenschule bezog in den 60-er-Jahren das neue Gebäude Am Hagen auf der Bellevue. In den späten 50er-Jahren entstanden weitere Mittelschulen in Neunkirchen, Völklingen und St. Ingbert. Mitte der 60er-Jahre benannte man die Mittelschulen in Realschulen um. Danach wurden zahlreiche neue Schulen dieser Art eröffnet. Später wurden sie zu "Erweiterten Realschulen", und an deren Stelle treten seit 2012 nach und nach die Gemeinschaftsschulen.

 

Für den Besuch ihrer Kinder an Mittelschulen mussten Eltern wie an Gymnasien [siehe am Ende von Abschnitt 3) Höhere Schulen]Schulgeld entrichten, allerdings in wesentlich geringerer Höhe als dort. 1953 waren an Mittelschulen jährlich 2.500 Franken fällig, ab1956 3.500 und ab 1957 5.000 Fr. Die Beträge mussten jeweils bis zum 10. Mai, 10. September und 10. Januar beglichen werden. [6]

 

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[6] Beträge und Daten haben wir einigen "Schulgeldzetteln" entnommen, die uns Ernst Gilcher, Saarbrücken, zur Verfügung gestellt hat.

 

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Literaturhinweis: Emil Wagner. Die Mittelschule. Auftrag und Tradition. In: Klaus Altmeyer, a.a.O., S. 275 ff. Und: Saarbrücken - 50 Jahre Großstadt. Hg.: Kulturdezernat der Stadt Saarbrücken, 1959. S. 262 f.

 

 

 

3) Höhere Schulen

 

Nach dem Krieg waren die Gebäude von etwa acht höheren Schulen im Land total zerstört, viele weitere schwer beschädigt. Deshalb musste man viele von ihnen zunächst in Notunterkünften unterbringen. Das Realgymnasium Neunkirchen musste z.B. mit 23 Klassen in das ebenfalls stark beschädigte Volksschul-Gebäude in der Schloßschule und in zwei Baracken ausweichen und dort bis 1950 auf einen Neubau warten. An manchen Orten versuchte man, der katastrophalen Situation mit Schichtunterricht Herr zu werden: Ein Teil der Klassen kam morgens, der andere Teil nachmittags zur Schule.

 

Staatliches Realgymnasium Neunkirchen, dahinter Mädchenrealgymnasium (Foto: Sammlung R. Freyer)

 

 

 

Der Neubau des Ludwigsgymnasiums

auf einer Briefmarke von 1953 und als Foto (unten) kurze Zeit später

 

Schon früh wurde mit dem Bau neuer Gebäude für die Gymnasien begonnen. 1950 weihte man das Ludwigsgymnasium in der Stengelstraße ein. Dies war der erste Neubau einer Schule nach dem 2. Weltkrieg im Saarland. Da die schwer heimgesuchten Städte die Neubau-Kosten kaum tragen konnten, übernahm das Land die meisten Oberschulen in seinen Besitz und verpflichtete sich, mit Hilfe des Wiederaufbauamtes in kurzer Zeit neue Schulgebäude zu erstellen. So waren 1957 aufgrund dieser Verstaatlichung schon acht höhere Schulen im Land in neuen Bauten untergebracht. Nur die Hauptstadt Saarbrücken widersetzte sich, teilweise erfolgreich, der Übernahme ihrer Gymnasien durch das Land. So blieben Ludwigsgymnsium und Mädchenrealgymnasium am Rothenbühl städtisch. Das 1954 errichtete Realgymnasium für Jungen auf der Hohen Wacht ging 1957 in städtischen Besitz über (1964 zog es in die Talstraße um). In Völklingen war dagegen das Städtische Realgymnasium schon 1950 zu einem staatlichen Realgymnasium geworden. - Trotz aller Baumaßnahmen mangelte es vielerorts weiterhin an Schulraum, und es fehlte auch an Stellen für die dringend benötigten Lehrkräfte.

    

Im teilautonomen Saarstaat waren insgesamt 24 höhere Schulen in Betrieb, davon 14 für Jungen und 10 für Mädchen (diese nannte man auch Lyzeum). 20 Schulen standen unter staatlicher Aufsicht, drei waren Ordensschulen [s. oben, am Ende von Abschnitt C) Religionsunterricht], und eine war städtisch. Während die Anzahl der Schulen im Laufe der Jahre gleich blieb, stieg die Schülerzahl der höheren Schulen von 8.909 (1950) auf 11.600 im Jahr 1957 an. Davon waren ca. 7.200 Jungen und 4.400 Mädchen. Dieser Anstieg bedeutete überfüllte Klassen und führte zu starken Belastungen für Lehrer und Schüler. Einige Schulen hatten mehr als 1.000 Schüler. Trotzdem blieb die Gesamtzahl der Gymnasiasten im Verhältnis zur Bevölkerung im Saarland immer etwas niedriger als in der Bundesrepublik. 1955 wurde in Saarbrücken auch ein Abendgymnasium eröffnet.

 

Die höheren Schulen waren in drei Schultypen mit unterschiedlichen Lehrplänen aufgeteilt: Es gab neben den neusprachlichen Realgymnasien und den mathematisch-naturwissenschaftlichen Oberrealschulen (ohne Lateinunterricht) nun auch wieder das von der Naziregierung zurückgedrängte altsprachliche ("humanistische") Gymnasium.

 

Außer in den letztgenannten wurden damals an den Gymnasien bereits in der Sexta (entsprach der heutigen Klasse 5) zwei Fremdsprachen unterrichtet, nämlich Latein und Französisch. Selbst manche Lehrer hielten die Schüler dadurch für überfordert, obwohl sie ja schon (allerdings sehr unterschiedliche) Französischkenntnisse von der Volksschule mitbrachten. Erst in der Untertertia (U III, Kl. 8) folgte dann noch Englisch. [7]

 

Beim Abschluss der Klasse 10 einer Mittelschule oder eines Gymnasiums (U II, Untersekunda) erhielten die Schüler das Zeugnis der "Mittleren Reife". Im Volksmund hieß es, sie hatten das "Einjährige". Der uralte Ausdruck rührte daher, dass man zu Kaisers Zeiten mit diesem Abschluss nur ein Jahr Wehrdienst ableisten musste.

 

Die Abschlussprüfungen wurden als Zentralabitur mit denselben Aufgaben für alle höheren Schulen des Landes durchgeführt. Die Schüler wurden in sämtlichen Hauptfächern schriftlich geprüft; die Arbeiten korrigierten ihre Fachlehrer und jeweils ein weiterer Lehrer. Sowohl in den Haupt- als auch in den Nebenfächern mussten die Abiturienten grundsätzlich auch mündliche Prüfungen über sich ergehen lassen, die jeweils 30 Minuten dauerten. Dabei wurden sie nicht etwa von den eigenen Fachlehrern geprüft, sondern von Lehrern anderer Schulen. In den ersten Jahren nach dem Krieg mussten sie in elf (!) Fächern eine mündliche Prüfung über sich ergehen lassen; erst nach 1951 reduzierte man diese Anzahl [8]. Eine vollkommene "Befreiung vom Mündlichen" war nicht möglich. Sicherlich waren diese harten Bedingungen mit ein Grund dafür, weshalb nur etwa die Hälfte der Abiturienten die Prüfung bestand.

 

Für den Besuch ihrer Kinder auf einer höheren Schule mussten Eltern im Saarland, wie in Deutschland, Schulgeld bezahlen. Es betrug 1945 rund 200 RM pro Jahr [9]. 1948 waren es monatlich 700 frs., in den frühen 50er-Jahren 1.400 frs. [10]. Da es (wegen der Ferien) nur zehnmal im Jahr fällig wurde, belief sich die Summe in einem Jahr auf immerhin 14.000 frs. Für Eltern mit mehr als einem Kind auf dem Gymnasium gab es Ermäßigungen. Es war nicht leicht für viele Familien, diese Summe regelmäßig aufzubringen. Im Schuljahr 1958/59 wurde das Schulgeld im Saarland wie in den meisten Bundesländern abgeschafft. Dort war es höher als bei uns; es betrug zuletzt zwischen 15 und 20 DM im Monat betragen [11], was damals etwa 1.760 bis 2.300 frs. entsprach.

 

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 [7] Der Autor dieser Seite erinnert sich, dass er lange Zeit ungeduldig darauf wartete, in die Untertertia zu kommen, um endlich in der

Schule Englisch lernen zu dürfen (also erst mit vierzehn Jahren!). Einer der Gründe dafür war die Tatsache, dass er so gerne die Texte der damals immer häufiger im Radio gespielten englischen Musiktitel verstehen wollte.

 [8] Siehe: Dr. Klaus Thewes. Die höheren Schulen im Saarland. In: Klaus Altmeyer, a.a.O., Seite 272.

 [9] Amtsblatt des Regierungspräsidiums Saar Nr. 4/1946. Seite 34

 [10] Mitteilungen von Dietrich Arbenz und Günter Hesler

 [11] nach Angaben in wikipedia unter "Schulgeld"

 

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Hinweise:

 

Die Geschichte des Otto-Hahn-Gymnasiums Saarbrücken und seiner Vorgängerschulen finden Sie auf unserer Seite Orte und Gebäude - gestern und heute unter Punkt 3).

 

Über die Entwicklung der französischen Marschall-Ney-Schulen können Sie sich ausführlich auf unserer Seite Lycée Maréchal Ney informieren, mit vielen Bildern, Zeitzeugenberichten usw.

 

Literaturhinweis: Zum Thema "Höhere Schule im Saarstaat" siehe auch: Dr. Klaus Thewes. Die höheren Schulen im Saarland. In: Klaus Altmeyer, a.a.O., Seite 269 ff.

 

 

 

E) Fazit zum Thema Schule im Saarstaat

 

Ein kritischer Pädagoge fasste 1957 seine Erfahrungen während der Saarstaatzeit wie folgt zusammen:

 

"Zum 1. Januar 1957 ist unsere Heimat der Bundesrepublik wieder politisch angeschlossen worden. Damit haben wir Abstand und Abschied genommen von der Politik der Jahre 1945 bis 1955, von der Separation und Autonomie der Saar, Abschied von der Politik, die auch im Raume der Kultur und der Schulen ihre seltsamsten Blüten und Früchte trieb, beginnend mit den anmaßenden Bemühungen desersten Kultusministers Dr. Straus, an der Saar eine "germano-romanische Kultursynthese" zu schaffen, bis zum Abgang des letzten Dirigenten am 23. Oktober.

 

Der Geist der Präambel und der ihr entsprechenden Verfassung kennzeichneten in diesen Jahren das Verhältnis der Ministerialinstanzen zu unseren Schulen und Lehrern. Die politische Tendenz des Beamteneides, die Verfassung zu bejahen und zu verteidigen, war das besondere Druckmittel, die Lehrerschaft für die Separation gefügigzu machen. Wer dem Gesetz der Treue zu Volk und Vaterland und seinem inneren Gewissen folgte, war "Staatsfeind" und musste mit Denunzierung, Bespitzelungen und Benachteiligungen rechnen. Die Bejahung der Separation wurde zur Qualifikation für alle Beförderungen des totalitären Regimes. Neben den Zollschranken versuchte man auch, seelische Barrieren nach Deutschland hin zu richten und die Jugend und ihre Lehrer nach Paris hinzuwenden." [9]

 

In der Tat waren nach der Rückgliederung die meisten Lehrer (und viele Schüler) glücklich darüber, dass die Zeit der vorgeschriebenen Trennung von Deutschland vorbei war. Aber das intensive Kennenlernen der französischen Sprache und Kultur während der Saarstaatzeit hatte für die jungen Saarländer (und ihre Lehrer) trotz des Zwangs zweifellos auch zahlreiche positive Auswirkungen. Viele Schüler pflegten Brieffreundschaften mit jungen Franzosen, es fanden auch gegenseitige Besuche in Familien statt, und welcher Abiturient hätte nicht - wie der Autor dieses Textes - mindestens eine Klassenfahrt nach Paris oder in eine andere französische Stadt miterlebt! Solche und ähnliche Erfahrungen übten später zweifellos einen positiven Einfluss auf die Entwicklung der deutsch-französischen Freundschaft aus.

 

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[9] Dr. Klaus Thewes, a.a.O., Seite 271

 

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 Statistik: Schulen im Saarland im Schuljahr 1952/53 (Die Zahlen wurden der "Elternpost" Nr. 1 vom September 1953 entnommen.)

 

  1952/53

   Schulart

   Schüler

Lehrer

   durchschn.

   Klassenstärke

573  

   Volksschulen

   (406 kathol. und 167 evang.)

   113.600

       2.700

   41

2  

   Mittelschulen

      2.100

           71

   45

24  

   Höhere Schulen

      9.490

          523

   18

  Nach dem Abschluss der Volksschule konnte man besuchen:

 

 

   Schüler

Klassen

 

67  

   Gewerbl. Berufsschulen

     31.000

          543

   57

13  

   Kaufmänn. Berufsschulen

       7.200

          222

   32

8  

   Öffentliche Handelsschulen

       1.050

           32

   33

1  

   Höhere Handelsschule sowie verschiedene Fachschulen

Bild: Musikstunde in der Volksschule (Gerd Kügelgen)     

 

 Vielen Dank für ihre Mitarbeit bei diesem Kapitel an Karl Presser und Stefan Haas.

 

 Literatur:

 

Rolf Wittenbrock. "...Du heiliges Land am Saaresstrand". Konfessionsschule und Identitätssuche. In: Von der `Stunde 0´ zum `Tag X´. Das Saarland 1945-1959. (Katalog zur Ausstellung des Regionalgeschichtlichen Museums im Saarbrücker Schloss). Saarbrücken, 1990. S. 257 ff.

 

Das Saarland. Ein Beitrag zur Entwicklung des jüngsten Bundeslandes in Politik, Kultur und Wirtschaft. Hgg. von Klaus Altmeyer u.a. Saarbrücken 1958.

 

Heinrich Küppers. Bildungspolitik im Saarland 1945-1955. Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung. Saarbrücken, 1984.

 

Eduard Schäfer, Horst Günther Klitzing (Hg.). Das Gymnasium im Saarland. 50 Jahre Saarländischer Philologenverband. Saarbrücken, 2000.

 

Theo Schwinn. Geschichte des Volksschulwesens in Neunkirchen. In: Neunkirchen (Saar) Stadt des Eisens und der Kohle. Hgg. von der Stadtverwaltung Neunkirchen (Saar), 1955. S. 209 ff.

 

Saarbrücken - 50 Jahre Großstadt. Hg.: Kulturdezernat der Stadt Saarbrücken, 1959. S. 255 ff.

 

Paulus, Heinz (Verantw.). 400 Jahre Ludwigsgymnasium Saarbrücken. Kontinuität und Wandel 1604-2004. Ludwigsgymnasium Saarbrücken (Hrsg.) Selbstverlag, 2004, Brosch.

 

Schulpost für die oberen Klassen der Volksschulen des Saarlandes. 1951 - 1954. Saarländische Verlagsanstalt und Druckerei. Saarbrücken. Elternpost (Monatliche kostenlose Beilage ab 1953 zur "Schulpost").

 

Interessante Links:

 

Prof. Horst Schiffler. Volksschullehrerbildung im Saarland nach 1945. Auf der Website des Saarländischen Schulmuseums in Ottweiler unter folgendem Link: http://www.schulmuseum-ottweiler.net/magazin/volksschullehrerbildung-im-saarland

 

Die Geschichte einer Schule mit vielen Details: http://www.grundschule-illingen.de/index.php/sitemap/geschichte

 

Bilder aus dem Schulmuseum Ottweiler finden Sie auf der Website unseres Mitarbeiters Stefan Haas: http://www.blitzlichtkabinett.de/saarland/schulmuseum-ottweiler/

 

Bilder aus der Geschichte der Evangelischen Volksschule Rohrbach von 1947 bis 1961 finden Sie auf der Website unseres Freundes Karl Abel: https://rohrbach-nostalgie.de/2011/05/20/die-geschichte-der-evangelischen-volksschule-rohrbach/

 


Diese Seite wurde am 3.5.2010 begonnen und zuletzt bearbeitet am 16.9.2017 

 

 

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