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Literaturszene Saar

zwischen 1945 und 1959

Text von Gerhard Bungert

 

 

 

Den Text zu diesem Kapitel hat Gerhard Bungert verfasst. Er ist einer der bekanntesten saarländischen Publizisten und Autor zahlreicher Schriften und Bücher. Mehr über sein Leben und sein Werk finden Sie auf unserer Seite Über uns unter "Gerhard Bungert".

 


 

 

● Eine literarische Diaspora?

 

Das war das Saarland nicht. Übersetzte doch bereits um 1437 die Saarbrücker Gräfin Elisabeth von Lothringen vier seinerzeit gängige französische „Chansons de geste". Sie gilt dadurch als Wegbereiterin des deutschen Prosaromans.

 

1770 kam Goethe zu Besuch in die Gegend an Saar und Blies. Für ihn war die kleine Residenz ein „lichter Punkt in einem so felsig waldigen Lande“. Das war „Dichtung und Wahrheit“ (10. Buch). Iffland und Knigge waren auch da und lobten den Fürsten über alles. [1]

 

Große Namen sucht man im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert an der Saar fast vergebens. Die Ausnahmen werfen kein allzu positives Licht auf die Saargegend: Victor Hugo mokierte sich 1863 über die „vier oder fünf Zwiebeltürme“ der Stadt Saarbrücken, und Theodor Fontane findet 1872 die Stadt „öd und trist“. Eine Lesung von Hermann Hesse geht 1912 in Saarbrücken total daneben, weil ihn die Besucher für einen Komiker halten.

 

Eine positive Stimme während des ersten Weltkriegs war die von Alfred Döblin. Er war in Saargemünd als Militärarzt stationiert, und er kam oft rüber in das „wundervolle Saartal“.

 

Dazwischen und danach gab es viel Historisches und später auch Beschauliches, etwa von Liesbet Dill und Maria Croon, wobei allen Heimatautoren gemeinsam ist, dass sie den Antagonismus von Regionalismus und Nationalismus nicht erkannten.  (Das Foto zeigt Maria Croon.)

 

Das alles sollte sich erst 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ändern. Da schrieben plötzlich bedeutende Schriftsteller über die Saar (u.a. Bert Brecht) und antifaschistische Autoren kamen in das noch nicht nationalsozialistische Saarland (u.a. Theodor Balk, Erich Weinert und Ilja Ehrenburg). Zwei Saarländer wurden bekannt, deren Wirkung noch in die Zeit des Saarstaates und darüber hinaus ausstrahlen sollte: Gustav Regler und Johannes Kirschweng.

 

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[1] Fürst Ludwig von Nassau-Saarbrücken hatte den Dramatiker und Schauspieler August Wilhelm Iffland 1786 in die Saarbrücker Residenz eingeladen. Adolf von Knigge besuchte Saarbrücken kurz nach 1790.

 

 

 

Gustav Regler (1898 -1963)  und Johannes Kirschweng (1900 -1951)

 

 

Hier der weltoffene und -erfahrene Homme de lettres Gustav Regler, Repräsentant des öffentlichen Lebens, unstet, in den Zentren der alten wie der neuen Welt zu Hause, glänzender Gesellschafter, brillanter Unterhalter, polyglott, künstlerisch vielseitig interessiert, befreundet oder bekannt mit vielen Persönlichkeiten aus Politik und Kultur dieses Jahrhunderts, Verehrer der Frauen mit donjuanesken Zügen. Dort der katholische Geistliche Johannes Kirschweng, der nur selten den Bereich seiner engeren Heimat verließ, Einzelgänger, der Familie verbunden, zeitweise ihr einziger „Ernährer“ [2].

 

Beide waren fast gleich alt (Regler wurde 1898 geboren, Kirschweng 1900) und waren in einem katholischen Milieu aufgewachsen, das sich gegen zwei Antiwelten verteidigen sollte: Auf der einen Seite gab es den Protestantismus, dessen Spuren von Luther über die Reichsgründung 1871, den darauf folgenden Kulturkampf bis hin zu den Nationalsozialisten gingen. Auf der anderen Seite gab es die Franzosen, die 1789 sehr konsequent die „gottgewollte Ordnung“ stürzten, auch an der Saar die Leibeigenschaft abschafften, in Frankreich den Laizismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „Staatsreligion“ einführten, nach beiden Weltkriegen das Saarland besetzt hielten und schließlich 1948 die Universität des Saarlandes gründeten.

 

Kirschweng hatte bei der Saarabstimmung 1935 als Mann der Kirche das - in seinen Augen - kleinere Übel gewählt und als Kulturwart der Deutschen Front in Wadgassen tatkräftig dabei geholfen, die Saar (wegen oder trotz Hitler?) ins Deutsche Reich zu trommeln. Als damaliger Kommunist stand Regler auf der anderen Seite. Kirschweng schriebDas wachsende Reich“ und Regler „Im Kreuzfeuer“. Beide Bücher waren (wegen oder trotz der Aktualität der Ereignisse?) qualitative Tiefpunkte des Schaffens der beiden ansonsten besten saarländischen Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

 

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[2] Ralph Schock: „Ihr seid da unten Borussophoben“. Gustav Regler und Johannes Kirschweng. In: Klaus-Michael Mallmann, Gerhard Paul, Ralph Schock, Reinhard Klimmt (Hrsg.): Richtig daheim waren wir nie, Entdeckungsreisen ins Saarrevier 1815-1955. Berlin/Bonn 1987, S. 244.

 

Die literarische Koalition  

 

In den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg gab es auch für die Menschen an der Saar wichtigere Dinge als Literatur. Umso erstaunlicher ist es, dass sich Kirschweng bereits im Oktober 1946 mit einer Broschüre zu Wort meldete. Sie trägt den Titel „Bewahrtes und Verheißenes“ und plädiert plötzlich für die Annäherung an Frankreich (siehe weiter unten!). Sofort gab es Entrüstung, Ablehnung und Widerstand. Unverständlich für viele, dass er den 8. Mai 1945 als „eine der großen Kundgebungen der Gerechtigkeit dieser Welt“ beschrieb. Aber Kirschweng ließ nicht locker: „Wir wollen … keinen Nationalismus mehr. Wir wollen Europa. Wir wollen in Europa ein Saarland, in dem sich deutsche und französische Kultur begegnen.“ Dabei dachte Kirschweng sicher nicht an das laizistische Frankreich. Er schwelgte eher in lothringischen Mythen und suchte in ihnen eine Zwischenform, die die beiden Antiwelten (siehe oben!) ausschließen sollte.

 

Ebenfalls dazugelernt hatte Gustav Regler. Er war Politischer Kommissar der 12. Internationalen Brigade im Spanischen Bürgerkrieg gewesen (Spitzname „Brigade ebbes“ – wegen des ziemlich hohen Anteils an Saarländern), löste sich ab 1939/40 u.a. wegen des Hitler-Stalin-Abkommens allmählich vom Kommunismus und trennte sich Anfang 1942 schließlich ganz von ihm, und am 13. Januar 1950 erschien in der „Neuen Saar“ ein Interview mit Regler, in dem er mit ähnlichen Argumenten wie Kirschweng eine europäische Perspektive für die Saar vorschlug:

„Was mir wesentlich an diesem kleinen kräftigen Gebilde erscheint, ist die Hoffnung, dass es ein Musterstaat in einem freien Europa werden könnte. (…) Oft hatte ich den Eindruck, dass die Saarländer die Vorteile ihrer Position nicht genügend sehen und dass Nutznießer und Gescheiterte ihnen wieder sentimentale Phrasen statt Butter aufs Brot streichen wollen. Allem nationalen Geschwätz sollte man immer wieder die europäische Lösung entgegenhalten.“ [3]

 

Die Stellungnahmen von Kirschweng und Regler widerspiegeln die politische Situation. Es regiert im Saarland seit dem 20.12.1947 das erste Kabinett Hoffmann, eine große Koalition, die von Hoffmanns Christlicher Volkspartei und Kirns Sozialdemokratischer Partei Saar gebildet wird. Kirschweng steht dabei für den Standpunkt der CVP, und Gustav Regler hätte sicher für die SPS Partei ergriffen.

 

Johannes Kirschweng konnte die zweite Saarabstimmung nicht mehr erleben. Er starb am 22. August 1951 - angefeindet und verbittert. Gustav Regler ergriff 1955 klar Partei für das Saarstatut. Für Heinrich Schneider findet er deutliche Worte: „Der Trommler Goebbels war sein Lehrmeister, der hemmungslose Hitler für einige Jahre sein Idol. … Wir sind wieder da, sagt, die Maske abnehmend, der Ex-Nazi Schneider.“ [3]

 

Gustav Regler hatte allen Grund, auch in kritische Distanz zur Hoffmann-Regierung zu gehen, wollte doch der saarländische Kultusminister Emil Straus, obwohl Antifaschist und Emigrant, seinen 1947 erschienenen Roman "Amimitl" aus sittlich-moralischen Gründen mit einer Art Jugendverbot belegen. Aber nach der Rückgliederung, im Jahr 1960, erhielt er, der saarländische Autor Gustav Regler, Freund von Ernest Hemingway, Klaus Mann, Anna Seghers, André Malraux, André Gide, Maxim Gorki, Ilja Ehrenburg und vielen anderen Literatur-Koryphäen, den 1. Saarländischen Kunstpreis für Literatur, zu dessen Verleihung der frühere NSDAP-Angehörige und damalige Ministerpräsident Franz-Josef Röder nicht erschien; die Urkunde trägt auch nicht Röders Unterschrift.

 

1972 konnten die deutschen Fernsehzuschauer einen Dokumentarfilm über den Schriftsteller mit dem Titel "Merzig - Moskau - Mexiko" sehen und 2011 einen weiteren Dokumentarfilm, der neben Reglers Leben seine Zeit in Mexiko nachzeichnete ("Den Himmel auf Erden suchen - Gustav Reglers zweite Heimat Mexiko"). Der Spielfilm "Brennendes Herz" von 1995 lehnte sich an sein Hauptwerk an ("Das Ohr des Malchus. Eine Lebensgeschichte"). Dieser autobiografische Roman war 1958 erschienen und zu einem bundesdeutschen Bestseller geworden, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde und weltweite Resonanz fand. Manche Kritiker sagen, er enthalte "mehr Dichtung als Wahrheit". Kindlers neues Literaturlexikon resümiert: "Unbestritten bleibt der zeitgeschichtliche Wert dieser Lebenserinnerungen."

 

Die Politik tat sich schwer mit dem früheren Kommunisten. Anders seine Schriftstellerkollegen, die Familie Regler, die Universität des Saarlandes und der SR. Als der saarländische Schriftstellerverband 1978 eine Anthologie mit dem Titel „Begegnung mit Gustav Regler“ herausgab, gelang es ihm nur in einem "Kraftakt" und mit Hilfe gewichtiger Fürsprecher, das Kultusministerium der Regierung Röder zu einer finanziellen Unterstützung zu bewegen. Im gleichen Jahr wurden in Merzig zu Reglers 80. Geburtstag eine literarische Matinee und eine Ausstellung über Leben und Werk des Schriftstellers ausgerichtet, die eine große Resonanz fanden. Ebenfalls wurde zu diesem Zeitpunkt an der Universität des Saarlandes die Gustav-Regler-Forschungsstelle eingerichtet, deren erste Deposita auf den Beständen des Archivs der Familie Regler beruhten.

 

Am 14. Januar 1963 erlag Gustav Regler kurz vor einem Besuch bei Pandit Nehru in Indien einem Gehirnschlag. Seine Grabstätte befindet sich in Merzig, wo auf dem nach ihm benannten Platz ein Gedenkstein an ihn erinnert. Auch in Saarbrücken gibt es einen Gustav-Regler-Platz und in Neunkirchen eine Gustav-Regler-Straße. Seit 1999 vergeben der Saarländische Rundfunk und die Stadt Merzig alle drei Jahre die Gustav-Regler-Preise.

 

 

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[3] zitiert nach Ralph Schock (siehe Anm. 2), S. 247.

 

Herzlichen Dank an Frau Annemay Regler-Repplinger, Merzig, für einige Ergänzungen zu Gustav Regler und für die Fotos des Schriftstellers (© Gustav-Regler-Archiv Merzig). - Mehr über Johannes Kirschweng finden Sie ganz unten auf dieser Seite.

 

 

 

Wo sind die anderen?

 

Manche Bändchen sprechen Bände, so etwa eine „Saarländische Anthologie“, die 1958, also genau zwischen der politischen und der wirtschaftlichen Angliederung des Saarlandes an die Bundesrepublik Deutschland, im West-Ost-Verlag in Saarbrücken erschien. Karl August Schleiden hat an dieser Ausgabe maßgeblich mitgearbeitet [4]. Das Büchlein stellt „Unsere Autoren“ vor, sprich: die saarländischen Autoren zur Zeit der Autonomie. Es sind insgesamt sieben, und es lohnt sich, einmal nachzusehen, was aus ihnen geworden ist:

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[4] Schleiden, Karl-August [Mitarb.]: Saarländische Anthologie. West-Ost-Verlag. Saarbrücken, 1958.

 

 

Karl Christian Müller

 

Er wurde 1900 in Saarlouis geboren, studierte in Tübingen, München, Bonn und Köln Philosophie und Germanistik, pro- movierte bei Ernst Bertram und war lange im saarländischen Schuldienst tätig. Er war Mitbegründer des „Verbandes saarländischer Autoren“ und dessen Vorsitzender von 1951 bis 1964. Müller galt als eine wichtige Persönlichkeit in der saarländischen Nachkriegsliteratur. Neben seinem Brotberuf schrieb er Gedichte und Erzählungen. Seine Lyrik orientierte sich an Stefan George. Karl Christian Müller, der auch unter dem Pseudonym Teut Ansolt veröffentlichte, starb 1975. (Foto: Landesarchiv Saarbrücken.)

 

 

Karl-Heinz Bolay

 

Karl-Heinz Bolay kam 1914 in Saarbrücken zur Welt. Er studierte Sprachen und Literaturgeschichte, arbeitete als Bankbeamter und im Zweiten Weltkrieg als Journalist. Danach lebte er in Celle. Aus Protest gegen die deutsche Wiederbewaffnung wanderte er 1951 nach Helsinki aus, wo er bis 1957 als Diplom-Bibliothekar lebte und arbeitete. Er übersetzte einen finnischen Roman ins Deutsche ("Kreuze in Karelien" von Voinö Linna) und schrieb selbst einen Roman in finnischer Sprache (ins Deutsche übersetzter Titel: "Und die Sonne stand still"). Der in Helsinki erschienene Band "Aber die Stunde bleibt" enthält Gedichte Bolays in Deutsch, Finnisch und Schwedisch. Der Saarbrücker Minervaverlag brachte den Gedichtband "Der rote Granit" heraus, und in Stuttgart erschien 1959 sein Buch "Finnen und Finnländer", in dem er das finnische Wesen und die finnische Natur beschreibt. Karl-Heinz Bolay starb 1993 in Schweden.

 

 

Hans-Bernhard Schiff

 

wurde 1915 in Berlin geboren. Er war ein Großcousin des Reichsaußenministers Walter Rathenau. In der Nazi-Zeit musste er Deutschland mit seiner Familie verlassen. Als Jean Bernard Schiff kam er 1947 nach Saarbrücken und wurde Literaturchef von Radio Saarbrücken. 1956 tauchte beim Rundfunk ein Flugblatt auf mit der Überschrift „Der Jud’ muss weg!“ Daraufhin verließ Schiff den Halberg und wurde Lehrer.

 

Seine Arbeitsgebiete als Autor waren vielfältig. Lange Jahre war er Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schriftsteller, Landesverband Saar. Nach Hans-Bernhard Schiff ist ein Literaturpreis benannt. 1996 starb er in Saarbrücken.

Das Bild links zeigt Jean B. Schiff als Leiter des Bereiches Literatur und kulturelles Europa bei Radio Saarbrücken Anfang der 50er, auf dem rechten Bild sehen wir Schiff in späteren Jahren. Foto: SR

 

 

Ernst Meeß

 

Geboren wurde er 1918 in Dudweiler, war Pilot im Krieg und studierte nach dem Krieg in Mainz Medizin, Germanistik und Kunstgeschichte. Als sein Vater starb, brach er sein Studium ab, ließ sich zum Industriekaufmann ausbilden und arbeitete später als Prokurist einer Brauerei. Er veröffentlichte Gedichte, Kurzgeschichten und ein Hörspiel. Zwei Bände von ihm scheinen erwähnenswert: "Überfahrt: 3 Novellen zwischen gestern und morgen." Colmar 1948, und "Zu suchen Gott und zu begreifen mich: Hundert Gedichte aus fünfzig Jahren". Berlin 1993. In der Zeitschrift Saar-Heimat (Nr. 1/1957) veröffentlichte er einen kurzen Aufsatz anlässlich der Verleihung des Kunstpreises an den Komponisten Heinrich Konietzky.

 

 

Werner Reinert

 

Er wurde 1922 in Saarbrücken geboren, studierte Germanistik und Philosophie, promovierte in Freiburg und wurde Soldat in Russland und Italien. Seine Kriegserfahrungen und seine Kontakte zur Widerstandsbewegung prägten sein weiteres Leben. Von 1950 bis 1953 war er Referent im Kultusministerium in Saarbrücken und danach - bis 1956 - Presse-Attaché in Paris. Danach war Reinert Regierungsdirektor in der Staatskanzlei, zog nach seiner Pensionierung 1977 nach Südfrankreich und 1983 nach Marokko. Erst 1980 erschien sein Roman "Der Dicke muss weg", den er bereits 1956 im Manuskript fertiggestellt hatte und für dessen späte Veröffentlichung sich Prof. Dr. Klaus-Michael Mallmann einsetzte. Reinert schildert darin die Ereignisse vor und während der Volksabstimmung 1955 aus der Sicht eines Journalisten, der die Annahme des Saarstatuts befürwortete. In den sechziger Jahren schrieb Reinert auch Reden für den damaligen Ministerpräsidenten Dr. Franz-Josef Röder. Beide hatten aber ein sehr gespanntes Verhältnis zueinander. Werner Reinert starb 1987 in Berlin. 

 

 

Wolfgang Durben

 

Wolfgang Durben kam 1933 in Koblenz zur Welt, studierte in Saarbrücken und Paris. 1958 lehrte er als Lektor an der Schwedischen Volksuniversität in Norrköping. Seit 1967 wohnt er in Beckingen. Er unterrichtete in Frankreich und Schweden und war bis 1982 ebenfalls im deutschen Schuldienst. Er publiziert seit Mitte der 50er Jahre vor allem Lyrik (auf Deutsch und Französisch) und Kurzprosa.

 

 

Johannes Kühn

 

Er ist 1934 in dem Tholeyer Ortsteil Bergweiler geboren. Von 1956 bis 1961 hörte er Germanistik als Gasthörer an den Universitäten von Saarbrücken und Freiburg im Breisgau. Aus dem Jahr 1957 stammt eine Gedichtsammlung von Johannes Kühn unter dem Titel "Vieles will Klang, immer wieder". Von 1963 bis 1973 arbeitete er als Hilfsarbeiter in derTiefbaufirma seines Bruders; nebenbei schrieb er Dramen, Gedichte und Märchen, denen größerer Erfolg jedoch zunächst verwehrt blieb. Dem hartnäckigen Bemühen des befreundeten Ehepaares Irmgard und Benno Rech und des saarländischen Schriftstellers Ludwig Harig ist es zu verdanken, dass in dieser Zeit das dichterische Werk Kühns aufgearbeitet und zumindest stückweise herausgegeben wird. Die Ausgaben der Gedichte in den späten 1980er Jahren erregten ein breites positives Echo. Seit 1992 schreibt er wieder regelmäßig Gedichte. (Link: Johannes Kühn auf der Homepage der Gemeinde Tholey).

 

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In dieser Liste von Autoren aus der erwähnten Anthologie fehlt noch Alfred Petto - und sicher auch der eine oder andere, der für die Jahre 1945 bis 1959 noch erwähnenswert wäre.

 

 

Alfred Petto

 

1902 wurde er in Malstatt geboren. Er war Rechtspfleger am Amtsgericht Saarbrücken und arbeitete nebenberuflich als Schriftsteller. Er begann schon früh, kleinere Erzählungern aus seiner Saarheimat zu schreiben. 1936 erschien sein erster Roman Das verborgene Leben". Es folgten Hörspiele, Funkerzählungern und Romane. Zu Kriegsbeginn erschien seine Erzählung „Die grauen Berge“. 1943-1944 war er Kriegsteilnehmer in Italien. Danach amerikanische Kriegsgefangenschaft. In der Zeit des Saarstaates schrieb er „Und die Erde gibt das Brot“ (1951), „An der Saar zu Haus“ (1954), Sie nahmen ihn nicht auf" (1955) und „Das Mädchen auf der Piazza“ (1958), sein wichtigstes Werk. In der Sendereihe "Von Mensch zu Mensch" von Radio Saarbrücken konnte man ihn in den frühen 50er Jahren mit einem wöchentlichen Vortrag hören. 1962 starb Alfred Petto in Homburg. (Foto: © Walter Petto.)

 

 

 

● Die Auswertung der Zufallsauswahl in der Anthologie

  • Zwei Autoren ragen heraus, weil sie im Schriftstellerverband wichtige Voraussetzungen für schriftstellerische Tätigkeiten schufen: Karl Christian Müller und Hans Bernhard Schiff.
  • Karl-Heinz Bolay und Wolfgang Durben verzogen sich nach Skandinavien und gingen dort Brotberufen nach.
  • Über Ernst Meeß haben wir außer dem Eintrag in der Anthologie nur die oben erwähnten Veröffentlichungen gefunden. In anderen Antholgien oder Literaturführern erscheint er nicht.
  • Werner Reinert und Alfred Petto waren Beamte, die nebenher mehr als manierliche Literatur fabrizierten.
  • Johannes Kühn, ein krankheitsbedingter Außenseiter, beginnt mit Lyrik und braucht tatkräftige Hilfe anderer und viele Jahre, um zu reüssieren.

Erst in den sechziger Jahren setzt ein großer Wandel ein. Hans-Bernhard Schiff löst Karl Christian Müller im Vorsitz des Schriftstellerverbandes ab. Ludwig Harig schreibt 1963 die „Reise nach Bordeaux“, Werner Reinert 1965 die Textcollage „Knaut“, Johannes Kühn wird immer bekannter - und dazu kommen zahlreiche andere saarländische Autoren, teilweise mit überregionaler Geltung. Warum war das in den fünfziger Jahren nicht möglich?

 

 

● Es bietet sich folgende Hypothese an:

 

Gehen wir mal von der idealtypischen Dreiteilung der Kultur in Literatur, Musik und Kunst aus. Der Saarstaat startete mit dem französischen Anspruch der „pénétration culturelle“. Zuerst stand die „Französisierung“ im Vordergrund, danach die „Regionalisierung“. Diese war allerdings suspekt, weil sie sich zur Zeit des Dritten Reiches für nationalistische Zwecke missbrauchen ließ. Bei der Musik und der Kunst war das einfacher, denn die Sprache spielt da nur indirekt eine Rolle. Deshalb wurden beide gefördert. Man denke etwa an die Kunsthochschule und die Musikhochschule. In der Literatur aber standen über allen die für die „pro-deutschen Parteien“ politisch umstrittenen Johannes Kirschweng und Gustav Regler. Die anderen bewegten sich in einer strukturbedingten Diaspora, allerdings mit sehr guten Ansätzen, die sich aber erst in den folgenden Jahrzehnten entwickeln konnten.

 

Karl August Schleiden schreibt in einer Untersuchung über das kulturelle Leben im autonomen Saarland (in der die Literatur so gut wie überhaupt nicht vorkommt) eine abschließende Passage über das Referendum am 23. Oktober 1955:

 

„…so trat im Wahlkampf wieder ein völlig neues und leider recht altes Motiv auf: Kulturfeindlichkeit. Ähnliche Kräfte wie in den zwanziger Jahren und wie 1936 traten auf den Plan, bekämpften die Kunstschule, die Moderne Galerie, den Luxus bei der Ausstattung der Behördenbauten, die von den Franzosen gegründete Universität und schließlich jeden französischen Einfluss. Es bedurfte des Eingreifens von Bundespräsident Heuss, um seine „Parteifreunde“ an der Saar und deren Partner von Akten der Kulturbarbarei zurückzuhalten. Einsichtsvolle Politiker der neuen Regierung konnten die Schließung der Universität abwenden, die Kunstschule wurde aber wenige Jahre nach dem Anschluss an die Bundesrepublik unter dem Vorwand von Einsparungen fast bis zur Unkenntlichkeit amputiert. Das kulturelle Klima hatte sich spürbar verschlechtert.“ [5]

 

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[5] Karl August Schleiden: Das Klima war den Künsten günstig, Kulturelles Leben im autonomen Saarland, in: Klaus-Michael Mallmann, Gerhard Paul, Ralph Schock, Reinhard Klimmt (Hrsg.): Richtig daheim waren wir nie, Entdeckungsreisen ins Saarrevier 1815-1955 (Berlin/Bonn 1987), S. 243.

 

 


 

 

 

Zusätzliche Informationen zu einzelnen Autoren (von Rainer Freyer)

 

 

Johannes  Kirschweng

 

Johannes Kirschweng wurde 1900 in Wadgassen geboren. Er studierte Katholische Theologie und Philosophie am Trierer Priesterseminar und wurde 1924 zum Priester geweiht. Bis 1926 wirkte er als Kaplan in Bernkastel/Mosel, anschließend in Bad Neuenahr. Gleichzeitig setzte er sein Theologiestudium an der Universität Bonn fort und beschäftigte sich mit deutscher und französischer Literaturgeschichte. In den frühen 30er Jahren beurlaubte ihn der Trierer Bischof auf Dauer, weil er gesundheit- lich angeschlagen war und sich fortan mehr der Schriftstellerei widmen wollte. Er zog sich als freier Schriftsteller nach Wadgassen zurück, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1951 lebte.

 

Dort befindet sich heute vor der ehemaligen Prämonstratenser-Abtei, die das Muse- um für Technik und Kommunikation (Zeitungsmuseum) beherbergt, eine Bronze-Skulptur des Schriftstellers. Von 1948 an war Kirschweng Mitglied des Verwal- tungsrats von Radio Saarbrücken. Man konnte ihn dort auch in zahlreichen Sen- dungen und Sendereihen hören, z.B. in der Reihe "Von Mensch zu Mensch" und in religiösen Programmen des Senders. Viele seiner Rundfunkmanuskripte sind erhal-ten, einige von ihnen sind in dem Band "Mit Kirschweng durch das Jahr" (Saarbrücken, 1982) abgedruckt.

 

Rechts: Bronze-Skulptur von L. Meßner, 1996, die ein Zitat des Dichters schmückt:

"Wir warten alle und wir werden nie aufhören zu warten." (Foto: Rainer Freyer 2009.)

 

 

 

 

Schon 1945 bringt Johannes Kirschweng sein erstes Nachkriegswerk heraus: "Das unverzagte Herz". Sein zweites erscheint 1946 bei Felten in Saarlouis: "Bewahrtes und Verheißendes". In diesem Essay gibt der Autor zunächst einen Zustandsbericht über Land und Leute nach dem verheerenden Krieg und fragt (am Anfang des Buches, siehe unten links), wie es wohl weitergehen soll. Er versucht den Menschen Mut zu einem Neubeginn einzuflößen.

 

Aber schon nach wenigen Seiten wird sein Essay zu einer Art Liebeserklärung an Frankreich (Ausschnitt unten rechts). Kirschweng, der sich 1935 so vehement für die Rückkehr der Saar ins Deutsche Reich eingesetzt hatte, erklärte nun unserem Nachbarland seine große Bewunderung und Zuneigung. Bei vielen seiner Leser, die den französischen Besatzern und ihrem Land gegenüber nicht so viel Sympathie empfanden wie Kirschweng, erntete er dafür mancherlei böse Kritik.

 

 

 

                   Weitere Werke, erschienen zw. 1946 und 1959:

                   Spät in der Nacht, München 1946

                   Trostbüchlein an eine junge Frau, Trier 1947

                   Der Schäferkarren, Saarbrücken 1948

                   Der Traummacher, Saarbrücken 1948

                   Mein Saar-Brevier, Saarbrücken 1949

                   Offene Herrgottsstuben, Leipzig 1956

                   Heimkehr zum Sterben, Gütersloh 1959

 

 

Johannes Kirschweng hat (etwa 1947) auch eine Hymne für den damals neu gegründeten Saarstaat geschaffen, in der er sich auf dessen Landesfahne bezieht:

 

"Weißes Kreuz in Blau und Rot..." (den Text finden Sie hier)

 

 

Die Aufstellung der Werke stammt aus http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Kirschweng. Das kleine Bild des Autors ist ein Ausschnitt aus einem Foto von 1951. Das vollständige Bild sehen Sie auf unserer Seite über die Einweihung der Brücke von Wadgassen nach Bous.

 


 

Hinweis

Das Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass ist Teil der SULB (Saarl. Universitäts- und Landesbibliothek). Es befindet sich im Campus Dud- weiler, Beethovenstraße, Zeile 6. Dort finden Sie Literatur aus dem Dreiländereck Saarland, Lothringen, Elsass und Luxemburg von etwa 1870 bis zur Gegenwart sowie AV-Medien aus diesem Themenbereich: Tondokumente, CDs, Videos, DVDs.

 

Literaturhinweis:

Günther Scholdt. Von Heimatseligen 68ern und der Generation X. Tendenzen der Nachkriegsliteratur an der Saar. In: Hudemann, Jellonek, Rauls (Hg.). Grenz-Fall. Das Saarland zwischen Frankreich und Deutschland 1945 - 1960. St. Ingbert 1997.

 

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       Diese Seite wurde erstellt am 18.02.2010, zuletzt bearbeitet an 16.4.2017                      

 

 

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