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(sendet heute auf 183 kHz)

  4a) Der Langwellensender Europe No 1

 

 

Französischer Privatrundfunk, ausgestrahlt im Saarland ab 1955

 

 

(von Karl Presser und Rainer Freyer)                 


 

Weitere Seiten im Rundfunk-Kapitel:  Rundfunkgeschichte - Radio Saarbrücken - Radio-Erinnerungen - Reporter & Ü-Wagen - Weissenbachs - Saarlandbrille - Wartburg - MW-Sender Heusweiler - TELESAAR - - Radio-Geräte

 

Wir berichten auf Saar-Nostalgie über Europe No. 1, weil die Geschichte dieses französischen Senders auf saarländischem Territorium mit der Entwicklung des Radios und des Fernsehens unseres eigenen Landes eng verknüpft ist (siehe weiter unten und auf unseren Seiten Geschichte des Rundfunks und Telesaar).

 

- Zur aktuellen Entwicklung auf dem Sauberg seit 1. August 2016: siehe hier ganz unten auf dieser Seite!

- Bilder von den Sende-Anlagen und -Antennen sowie vom Antennen-Unfall 2012 finden Sie > auf dieser Seite.

- Wie 1959 einer der über 270 m hohen Sendemaste um 102 Meter verschoben wurde: > Sonderseite "Sendemast auf Wanderschaft"


 

Die Entstehungs-Geschichte des Langwellen-Senders Europe No 1

 

 

Johannes Hoffmann und Gilbert Grandval schätzten beide Rundfunk und Fernsehen als die beherrschenden Medien der Zukunft ein. Bereits ab März 1946 sendete Radio Saarbrücken. Dessen Generaldirektor wurde 1949 Frédéric Billmann, der zuvor das Informationsamt im Hohen Kommissariat Grandvals geleitet hatte.  

Staatsmann JoHo wollte nicht nur ein Rundfunk-, sondern auch ein eigenes Fernsehprogramm für das Saarland. Dafür fehlten aber in jeder Hinsicht die Mittel. Den Akteuren um Billmann war bekannt, dass in Monaco ein von dem (vermutlich staatenlosen) Geschäfts- mann Charles Michelson geplantes Fernsehprogramm gesendet werden sollte. Dieser gründete dort zusammen mit Rainier von Monaco ein Medienunternehmen, die "Images et Son", und begann zunächst mit werbefinanziertem Tonrundfunk.

 

Das Geschäftsmodell schien auch für das Saarland geeignet zu sein. Basis für den Rundfunk im Saarland war der Militärerlass Nr. 46 von General Pierre Koenig aus dem Jahr 1946 über die Errichtung eines Rundfunkamts, das mit der Leitung des Senders Saarbrücken beauftragt wurde. Damit war im späteren Saarland nur dieser Sender legal. Als oberste Überwachungsinstanz wurde Gouverneur Grandval bestimmt.

Foto: Chefredakteur Wilhelm Diederich (ganz links) und Generaldirektor Frédéric Billmann (rechts neben ihm) von Radio Saarbrücken besichtigen den Rohbau der Senderhalle von Europe No. 1 im Jahr 1954 (auch im nächstens Foto zu sehen!).

 

Billmann und Michelson hatten zwar Rundfunkerfahrung, waren aber keine Techniker. Über Verbindungen zur RTF (Radio-Télévision Française, also der staatlichen französischen Rundfunk- und Fernsehanstalt), gerieten sie an Henri de France.

 

Dieser war, mit seiner Firma „Radio Industrie“, auch in der Lage, Studioausrüstungen und Empfangsgeräte zu bauen. Michelson trug zusammen mit Billmann bei JoHo und Grandval das geplante Geschäftskonzept vor. Sie machten beiden klar, dass ein saarländischer Fernsehsender nur durch ein zusätzliches privates Rundfunkprogramm für Frankreich und den daraus zu erwartenden Werbeeinnahmen zu finanzieren sei. So jedenfalls klingt eine weit verbreitete Version. Es ist aber ebenso gut möglich, dass Michelson und Billmann von vorne herein einen französisch- sprachigen privaten Werbe-Rundfunksender mit Standort im Saarland zum Ziel hatten. Die Gegenleistung dafür sollte der Aufbau von Telesaar sein, wie der SPIEGEL in seiner Ausgabe 1/1961 vermutete. Diese Darstellung setzt allerdings die an diesen Verhandlungen beteiligten Politiker dem Verdacht aus, dass sie damit das sowohl in Frankreich als auch in Deutschland bestehende Verbot privaten Rundfunks von Anfang an umgehen wollten.

 

Michelson legte einen für sich und die anderen Financiers günstigen Vertragsentwurf über eine Dauer von 50 Jahren vor, der nahezu alle vertraglichen und finanziellen Risiken dieses Koppel-Geschäftes auf das Saarland abwälzte. Außerdem enthielt der Vertrag den Passus, dass Fernsehen im Saarland den 819-Zeilen- Standard verwenden müsse. Nach einigen Änderungen stimmte JoHo im Frühjahr 1952 dem Handel zu.

 

Unmittelbar nach dem Abschluss des Vertrags vom 16. Mai 1952 über die Gründung der Saarländischen Fernseh-AG wurde zwecks Finanzierungmit dieser Gesellschaft auch der Vertrag über den geplanten französischen Rundfunksender unter Dach und Fach gebracht. Die Vertreter des Saarlandes stimmten ihm nur unter folgenden Vorbehalten zu: Die Betreiber des Senders mussten sich selbst um eine Sendefrequenz bemühen, aus seinem Betrieb durften keine finanziellen Nachteile für Radio Saarbrücken entstehen, Sendungen waren nur in französischer Sprache zugelassen und Radio Saarbrücken sollte außerdem als Teil des Geschäfts kostenlos einen neuen 100-kW-Mittelwellensender am Standort Felsberg-Berus erhalten (siehe auch auf unserer Seite Rundfunkgeschichte im Abschnitt 2, unter "Ab 1953", Punkt 1).

 

Das neue Rundfunkgesetz, das diese Verträge legalisierte, wurde am 18. Juni 1952 vom Landtag angenommen. Nach Gründung der "Saarländischer Rundfunk GmbH" im Oktober 1952 wurden die Verträge sicherheitshalber nochmals unterschrieben. Billmann hatte zuvor noch dafür gesorgt, dass die Saarbrücker Radio-Reklame Teil der Fernseh AG wurde (sie blieb es bis 1957). Sein späterer Wechsel vom Saarländischen Rundfunk als General- direktor zur Fernseh AG konnte da kaum noch überraschen. Deren Vorstandsvorsitzender war damals Henri de France.

 

 

 

Senderhalle, Fernsehturm und Mast 2 des Langwellensenders, 1955

 

 

Ähnliche Ansicht wie oben, aber im Jahr 2010 (Foto R. Freyer)

 

Da "Radio Industrie" die eigentlichen Sender nicht planen und bauen konnte, erhielt hierfür und für den angedachten (aber nie verwirklichten) neuen Mittelwellensender für Radio Saarbrücken (siehe oben) die "Compagnie Française Thomson-Houston“ (CFTH) den Auftrag. Für den Langwellensender auf dem Sauberg war zunächst eine Leistung von 2 x 200 kW vorgesehen.

 

Der 59 m hohe Fernseh-Antennenturm, der in den beiden Bildern oben  links hinter dem Sendegebäude von Europe No. 1  zu sehen ist, wurde für einen ursprünglich ebenfalls geplanten TV-Sender mit dem Namen "Europa No. 1 Television" errichtet, der aber nie zustande kam (vgl. auch auf unserer Seite Rundfunkgeschichte im Abschnitt "Ab 1953" unter 3). Dieser hätte ein "europäisches Fernseh-Programm" ausstrahlen sollen. Die riesige Sendehalle auf dem Sauberg wurde wohl hauptsächlich deshalb so bombastisch ausgelegt, weil sie außer dem LW-Sender auch die Studios und Produktionsräume des geplanten TV-Senders beherbergen und gegebenenfalls genügend Raum für größere Publikumsveranstaltungen bieten sollte.

 

Die Antennen auf dem Fernsehturm neben der großen Halle von Europe No. 1 wurden nur ein einziges Mal und nur für kurze Zeit in Betrieb genommen, und zwar im Januar 1958. Sie strahlten dabei aber nicht etwa das eigentlich geplante neue "europäische Fernseh-Programm" aus (das ja nie zustande kam), sondern sie übernahmen für kurze Zeit die Sendungen der saarländischen Fernsehstation Telesaar*).

Nachdem mit dem politischen Anschluss des Saarlandes an die Bundesrepublik am 1. Januar 1957 auch die Funkhoheit an der Saar auf die Deutsche Bundespost übergegangen war, verfügte diese, dass die nicht genehmigten TV-Sendungen von Berus aus schon nach zehn Tagen wieder eingestellt werden mussten. Seitdem ist der Turm - bis heute - als Sendeturm ungenutzt geblieben.

 

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*) Die saarländische Fernsehstation Telesaar hatte bereits am 23. Dezember 1953 in Saarbrücken ihren Sendebetrieb aufgenommen, während in Monaco der Sender Télé-Monte Carlo, der ja das Geschäftsmodell für Telesaar geliefert hatte, erst am 19. November 1954 auf Sendung ging. Die Abstrahlung des Telesaar-TV-Programms erfolgte aber nicht von Berus aus, sondern über einen 100-Watt-Sender an einer Antenne auf dem Eschberger Hof in Saarbrücken, und zwar im Fernseh-Band III auf Kanal F7. - Alle Einzelheiten über diese Vorgänge finden Sie auf unserer Seite Telesaar im Abschnitt 4: "Das Ende von Telesaar".

 

Ab Mitte 1954 gab es bei den Initiatoren des Langwellensenders Europe No. 1 finanzielle Probleme aufgrund einer Bankenkrise in Monaco. Eine beteiligte Bank, die Banque des Métaux Précieux, hatte sich ausgerechnet bei der Finanzierung von Radio-Télé-Monte Carlo übernommen. Frédéric Billmann war inzwischen Generaldirektor auch bei Images et Son.

 

Im September 1954 stürzte während der Betonarbeiten zu allem Übel auch noch das Dach des futuristischen Sendegebäudes in Form einer Muschel ein. Die statischen Berechnungen waren fehlerhaft gewesen. Der oberste Ringanker hatte sich unter Last verformt, und das Dach riss bahnenweise ein. Architekt Guédy nahm sich aufgrund der gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe das Leben.

 

Nach Verbesserung der Konstruktion wurde die Decke dann 1955 mit nur 4 cm Stärke und ohne Fuge gegossen. Die Senderhalle hat eine Größe von etwa 46 x 86 Metern. Beheizt wurde sie mit der Abwärme des Senders.

 

 

Im letzten Viertel des Jahres 1954 konnte man den Sender provisorisch aus Baracken heraus in Betrieb nehmen. Der Termin hatte sich aufgrund der Lieferzeit für die leistungsstarken Sende- einrichtungen ergeben, deren Bauzeit nun terminbestimmend war.

Das Dach der großen Senderhalle 1955. Von oben gesehen, lassen sich ihre riesigen Ausmaße gut erkennen (heutige Bilder siehe hier!)

 

Den Umzug aus den Baracken in das fertigeSendergebäude und die sukzessive Komplettierung der Technik übernahm später das Personal weitgehend in Eigenregie. - Heute steht die gesamte Anlage unter Denkmalschutz.

 

Am 1. Januar 1955 startete um 6:30 Uhr "offiziell" das Programm von Europe No. 1.

 

So hörte sich die erste (dreisprachige!) Stationsansage des Senders an:

dto. mit Einleitungsmusik:

Carillon von Europe 1 (1959):   

 (eine Art Pausenzeichen mit Stationsansage)

 

Da noch keine zugeteilte Frequenz zur Verfügung stand, sendete man - ungenehmigt - zuerst auf der Frequenz 240 kHz. Vom Beginn der Sendungen an wurden die Funk-Navigationssysteme des Flughafens Genf sowie andere Langwellensender in Skandinavien gestört, und der Betrieb musste unverzüglich wieder eingestellt werden.

 

Einen Tag später versuchte man es auf  245 und kurz danach auf 239,5 kHz. Jetzt entstanden Störungen und Interferenzen mit dem Langwellensender von Radio Luxembourg, der damals (ebenfalls in französischer Sprache) auf 233 kHz sendete (heute ist arbeitet er auf 234 kHz). Billmann schaffte es nicht, sich mit den Luxemburgern gütlich auf eine geringfügige Frequenzänderung beider Sender zu einigen. Sie wollten keinen neuen Wettbewerber für ihre Zielgruppe, die französischen Hörer und Werbekunden. Als Ausweg wählte Europe No. 1 die Frequenz 182 kHz, die jedoch legal bereits von vier weiteren europäischen Stationen geteilt wurde. Deren Programme wurden jetzt besonders in den Abendstunden gestört. Europe No. 1 kümmerte sich zunächst aber nicht darum.

 

Hinsichtlich der Eigentumsverhältnisse des Senders war immer noch keine Ruhe eingekehrt. Die französische Politik griff ein, und Michelson wurde auf Korsika festgesetzt. Der Industrielle Sylvain Floirat, bisher als Omnibusbauer bekannt [siehe hier], übernahm, derart unterstützt, Mitte 1955 die Aktienmehrheit bei „Images et Son“.

 

Weil er sich beim Verkauf seiner Anteile über den Tisch gezogen fühlte, zog Charles Michelson 1962 vor Gericht, aber ohne Erfolg. Sylvain Floirat hatte inzwischen die Gewinne bei Europe No. 1 zum Sprudeln gebracht. Der Sender sollte später, wie Michelson wohl frühzeitig ahnte, jährliche Renditen im hohen zweistelligen Prozentbereich auf sein Eigenkapital einfahren.

 

 

Die Sendemasten von Europe 1 in Sichtweite des Grenzsteins zu Frankreich

 

Als Senderstandort für den Langwellen- und den Fernsehsender hatte man aus ausbreitungstechnischen Gründen das Plateau des Saubergs zwischen den Gemeinden Berus und Felsberg in etwa 365 m Meereshöhe ausgewählt. Dieser Standort hatte zudem den Vorteil, nur einen Steinwurf von der französischen Grenze entfernt zu liegen - siehe nachfolgende Kartenskizze:

 

 

 

Die Antennenanlage von Europe No 1

 

Der Sendebetrieb war 1954/55 mit nur zwei Antennenmasten aufgenommen worden. Bald kam ein dritter Mast hinzu.

 

Weil das inzwischen nach der Rückgliederung der Saar auch hier zuständige Bundespostministerium die Minimierung der Störung anderer gleichkanaliger Sender gefordert hatte, musste man 1959 einen der Maste in aufgebautem Zustand um eine 102 m lange Strecke verschieben. Dies war eine, so erstmals ausgeführte, technische Glanzleistung.

 

Mehr dazu können Sie jetzt auf dieser Seite in einem interessanten Zeitungsbericht nachlesen. 

 

1964 wurde die Antennenanlage schließlich auf vier Maste erweitert (siehe Foto oben). Die Masthöhen der Hauptantennenanlage betrugen nun von Südwesten her 270 m, 276 m, 280 m und 282 m.

 

Durch ihre Anordnung und eine geeignete Aufteilung der gesamten Sendeleistung auf die einzelnen Masten war nun eine ausreichende Dämpfung der Abstrahlung in Richtung Nord-Osten möglich. Die Antennenanlage ist elektrisch gesehen ein hochkomplexes Gebilde und wurde hinsichtlich ihres Abstrahlungsverhaltens und der Aufteilung der Sendeleistung auf ihre einzelnen Elemente mehrfach optimiert.

 

Das elektrische Gegengewicht bildet ein Erdungssystem aus Kupferdraht. Es ist 30 cm unter der Erdoberfläche verlegt und weist eine Gesamtlänge von 290 km auf. Charakteristisch für das 117 Hektar große Antennenfeld sind die als abgeschirmte Reusenleitungen ausgeführten Speiseleitungen und die Einhausungen am Antennenfuß für die Anpassglieder (siehe Bild rechts).

 

Die Maste überstanden alle politischen und meteorologischen Stürme - bis zum 8. August 2012. An diesem Tag brach der oberste Teil des 280-m-Mastes wegen Isolatorenbruchs ab (siehe hierzu unsere Extraseite mit Bildern des havarierten Mastes). Man musste den Sender auf die Mitte der 70er-Jahre nord-westlich der Hauptantenne errichtete Reserve-Antennenanlage umschalten, die aus zwei Masten von je 234 m Höhe besteht (siehe Kartenskizze weiter oben).

 

Die Frequenzverteilung im Lang- und Mittelwellenbereich war zum Ende der 50er Jahre permanent umstritten. Schätzungsweise die Hälfte aller Sender sendete auf nicht zugeteilten Frequenzen. Erst 1978 wurde in Genf ein neuer Wellenplan verabschiedet, der Frankreich nun die Frequenz 182 kHz offiziell zuteilte. Damit war das Thema Sendefrequenz vom Tisch. Später wurde die Frequenz geringfügig variiert, weil - wahrscheinlich aus Gründen der politischen Ost-West-Entspannung - der DDR- Sender Oranienburg nicht länger gestört werden sollte.

 

 

 

Seitdem wird das Programm von Europe 1 auf Langwelle 183 kHz ausgestrahlt, heute auch über ein dichtes Netz von UKW-Sendern in Frankreich, sowie über Satellit. Europe 1 auf LW ist einer der weltweit stärksten Sender. Seine Leistung wurde schon seit vor längerer Zeit auf 2.000 kW (= 2 MW) erhöht. Noch mehr ist aus Ausbreitungsgründen nicht zu realisieren. Aber sie reicht aus, um den Sender über die Raumwelle bei Nacht sogar in Nordafrika gut zu empfangen.

 

Schnell hatte man sich in Frankreich mental und politisch mit Europe No. 1 arrangiert. Der französische Staat war längst über die SOFIRAD, die Société Financière de Radiodiffusion, eingestiegen. Diese hatte Anteile vom Industriellen und Mehrheitsaktionär Sylvain Floirat übernommen. Das Modell mit SOFIRAD als Anteilseigner und Beeinflusser funktionierte schon bei den anderen "radios périphériques" in Andorra, Luxemburg und Monte Carlo zur Zufriedenheit der Franzosen. Bei Gründung der 'Saarländischer Rundfunk-GmbH' (siehe unsere Seite Telesaar) war SOFIRAD ebenfalls mit 30% beteiligt.

 

Die Studios von Europe No. 1 befanden sich von Anfang an (und sind bis heute) in Paris in der Rue François 1er; sie waren vorher von der Voice of America benutzt worden. Das Tonsignal lief von dort aus über eine Rundfunk-Zuspielleitung ins Saarland bis zum Sauberg. Hier war nur ein Notstudio eingerichtet, in dem man lediglich einen Sprecherplatz, zwei Bandmaschinen und zwei Plattenspieler vorhielt. Europe (No.) 1 war und ist also eine reine Sendestation. Rundfunk wurde dort nie "gemacht", nur ausgestrahlt.  

(Alle Farbfotos oben: Rainer Freyer)

 

> Viele weitere Bilder der Antennenanlage aus heutiger Zeit können Sie auf dieser Seite sehen.   

 

Die Verträge des Senders mit dem Saarland waren, wie es so schön heißt, juristisch wasserdicht. Er konnte deshalb nach dem 1.1.1957 nicht einfach unter deutsche Funkhoheit gestellt und geschlossen werden. 1964 wurde dieser Sachverhalt in einem neuen saarländischen Rundfunkgesetz sogar nochmals festgeschrieben.

 

Sylvain Floirat blieb bis 1986 "Patron" von Europe 1 (das "No." im Namen wurde 1983 gestrichen). Frédéric Billmann war Generaldirektor bis kurz vor seinem Tod 1973.

Die Nachrichten kamen bei Europe nicht zur vollen Stunde, sondern 30 Minuten später. Typisch war z.B. der sogenannte "Flash“, eine bisweilen auch in den Programmablauf eingeblendete kurze Nachrichtenmeldung. Mit der Marktreife eines Tonbandgerätes, das unter der Bezeichnung NAGRA III als Reportagegerät mit Batteriebetrieb für Außenaufnahmen entwickelt worden war, begann die Zeit der aktuellen lokalen Blitzreportagen (dieses Modell wurde gebaut von 1958 - 1968).

 

Heute wird diese Art von Rundfunk abwertend als "Dudelfunk“ bezeichnet und gilt als typisch für private Sender. In Deutschland orientierte sich ab 1964 die neu konzipierte "Europawelle Saar" als erste an den Formaten

von Europe No. 1 und dem deutschen Programm von Radio Luxemburg.

 

Foto: NAGRA--TYPE3---PL-GR 1957 wikicommons CC BY-SA3.0.jpg

 

Neben den Kapitaleignern und Managern gab es auch Programm-Macher der Gründerzeit. Man warb z.B. Louis Merlin von Radio Luxembourg ab. Er hatte ausgiebige Erfahrung mit privatem Werberundfunk und ist einer der Väter des "formatierten Radios“, also eines Rundfunks mit klar vorgegebenen zeitlichen und inhaltlichen Strukturen.

Bei Europe No. 1 wurden z.B. die Hörer über die Wunschsendung "Juke Box No. 1" einbezogen, die zur besten nachmittäglichen Sendezeit um 17 Uhr 30 lief. Jean Frydmann war ebenfalls in den 50ern mit dabei und hat eine der damals bekanntesten täglichen Sendungen entwickelt, nämlich "Salut les copains" (SLC). Einer ihrer späteren Protagonisten, "Président Rosko“, bürgerlich Michael Pasternak, arbeitete auch für Radio Andorra und Radio Monte Carlo und fasste den Programmgrundsatz treffend zusammen: "Minimum de bla-bla, maximum de musique“.

 

Die weitere Entwicklung des Senders

 

Heute gehört Europe 1 zum Lagardère-Konzern, der auch die "Europäische Rundfunk- und Fernseh-GmbH" (früher "Fernseh AG") in Saarbrücken) beherrscht. Diese wiederum besitzt die Sendeanlagen von Europe 1 in Felsberg-Berus und hält auch eine 45%ige Beteiligung an Radio Salü in Saarbrücken (weitere 20 % an Radio Salü soll der SR halten).

 

Im Mai 2014 teilte die luxemburgische BCE (Broadcasting Center Europe SA) mit, dass Largadère Active sie mit dem Betrieb der Sendeanlage auf dem Felsberg beauftragt hat. BCE ist ein Dienstleister für Rundfunk und Fernsehen mit mehr als 200 Mitarbeitern und gehört zur RTL-Gruppe. Der Sender von Europe 1 wurde mit moderner Halbleitertechnik ausgerüstet und die vorhandene Antennenanlage angepasst. Steuerung und Überwachung sollten nach dem Umbau von einem Kontrollzentrum (Network Operations Centre NOC) der BCE in Luxemburg aus erfolgen, an dem auch der Langwellensender in Beidweiler mit 1500 kW für das französische RTL-Rundfunkprogramm angeschlossen ist. Ob es dazu gekommen ist, ist uns bisher nicht bekannt.

 

Am 1. August 2016 wurde über Presse und Rundfunk mitgeteilt, dass die große Sendehalle von Europe 1 (siehe Bilder oben auf dieser Seite) an die Gemeinde Überherrn verkauft wurde. Mehr dazu ganz unten in "Neueste Entwicklung auf dem Sauberg".

 

 

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Anmerkung zu den Sendesprachen von Europe No 1 in der Anfangszeit der Station

 

Französisch war beim Sender Europe No.1 zweifellos die Hauptsendesprache. Aber er hat in seinen ersten Betriebsjahren zeitweise auch in deutscher und in englischer Sprache gesendet. Es sind sogar Stationsansagen in drei Sprachen (Französisch, Deutsch und Englisch) erhalten geblieben, die belegen, dass in dieser frühen Zeit auch deutsche und englische Ansagen und Texte auf diesem Sender zu hören waren.  > > >

 

Nicht nur aus dieser Tonaufnahme, sondern auch aus den ursprünglichen Logos des Senders in der ersten Zeit ("Europa" statt "Europe", siehe Bild links) geht hervor, dass auch der Sendername in deutscher Sprache genannt wurde. Außerdem weist ja schon die Wahl des Namens "Europe" bzw. "Europa" für den Sender auf dessen europäische Mehrsprachigkeit hin.

 

Auch in den späteren 50er-Jahren strahlte Europa Nr. 1 mindestens  e i n e  regel- mäßige dreisprachige Sendung unter dem Namen "Variétées européennes" aus (so z.B. zu lesen in der Zeitung "Deutsche Saar" vom 24. Januar 1958). Nach einiger Zeit wurde sie aber aufgrund von Protesten des SR eingestellt.

 

In der SR-Info 6/1990 konnte man lesen, dass die bekannte und beliebte Rundfunksprecherin Christa Adomeit (1925 - 2017) von Radio Saarbrücken auch als deutsche Sprecherin bei Europe No. 1 arbeitete.

 

Ein weiteres Indiz für deutschsprachige Sendungen von Europa 1 sind Werbeanzeigen der Europäischen Rundfunk- und Fernseh-AG in deutscher Sprache, in denen sie - wie z.B. hier unten in dem Ausschnitt eines saarländischen Branchenverzeichnisses - zur Erteilung von (Werbe-)Aufträgen wirbt. Mit dem "Sender, der die Massen bewegt" (auf Langwelle) - ist Europa 1 gemeint. Man konnte bei der Fernseh-AG aber auch Werbeaufträge für den deutschsprachigen Fernsehsender TELESAAR erteilen:

 

 

Die Saarbrücker Zeitung schrieb am 27.11.1965: "Im neuen Rundfunkgesetz, das der Landtag in Saarbrücken beschlossen hat, ist ein entscheidender Punkt die Vorschrift, dass die Sendungen von Europa 1 keinerlei deutschsprachige Elemente enthalten dürfen." Dieser Passus kann wohl nur deshalb in das Gesetz eingefügt worden sein, weil der Sender vor dieser Zeit wenigstens zeitweise auch in Deutsch gesendet hatte und damit in Konkurrenz zum Saarländischen Rundfunk getreten war.

 

 

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Zur aktuellen Entwicklung auf dem Sauberg seit 1. August 2016:

Am 1. August 2016 wurde gemeldet, dass die große Sendehalle von Europe 1 (siehe Bilder weiter unten!) vom Lagardère-Konzern zu einem Preis von 120.000 € an die Gemeinde Überherrn verkauft wurde (zu welcher auch der Ort Berus gehört). Nach Aussage von Bürgermeister Bernd Gillo wolle man innerhalb eines Jahres ein tragfähiges Konzept für die weitere Nutzung erarbeiten. In der Zukunft sei eine Nutzung der großen Sendehalle für Konzerte, Gastronomie und als Kongresszentrum denkbar.

 

Das Programm von Europe 1 wird weiterhin vom Sauberg aus abgestrahlt. Allerdings ist der riesige Sender in der denkmalgeschützten Halle seit dem 19.10.2015 außer Betrieb. Eine neue Sendeanlage (siehe Bilder rechts), die wesentlich kompakter ist als die alte und dem heutigen Stand der Technik entspricht, wurde in einem kleineren Gebäude untergebracht, das in der Nähe der bisherigen zweimastigen Reserveantenne steht. Diese wird jetzt als gerichtete Hauptsendeantenne betrieben. Das gesamte Areal befindet sich in unmittelbarter Nähe zur deutsch-französischen Grenze und gehört zur Gemeinde Wallerfangen (Ortsteil Ittersdorf).

 

Die neue Sendertechnik ist ähnlich der des RTL-Langwellen-Senders, der 2011 von TRANSRADIO (ehemals TELEFUNKEN SenderSysteme Berlin) geliefert und im luxemburgischen Beidweiler errichtet wurde. Beide Sender werden nun durch das luxemburgische Unternehmenm BCE (Broadcasting Center Europe) von Luxemburg aus überwacht und bedient. Dadurch konnte der Umfang der Anlagen auf das tatsächlich erforderliche Maß beschränkt werden.

 

Die bisher verwendeten Speiseleitungen von der großen Sendehalle in Berus zur Haupt- und zur Reserveantenne wurden (zumindest teilweise) abgebaut. Von dem neuen kleineren Sender-Gebäude führt jetzt eine Speiseleitung zum Mast 3 der alten Hauptantenne. Dieser Mast ist derjenige, der im September 1959 um über 100 m an seinen heutigen Standort verschoben worden war: siehe auf dieser Sonderseite. Er dient jetzt (alleine) bei Bedarf als Reserveantenne. Die dazugehörige Umschalteinrichtung befindet sich in dem neuen kleinen Gebäude. Eine heutige aktive Funktion des zweiten noch vorhandenen ehemaligen Mastes (Mast 4) ist nicht erkennbar.

     (Foto: Karl Presser)      

(2 Fotos: Jacob Roschy)    

Da die alte riesige Sendehalle für den Sender Europe 1 nun nicht mehr benötigt wird, kann sie jetzt endlich auch die ihr ursprünglich zugedachten Aufgabe erfüllen. Man hatte sie 1954 ja nicht nur für die Unterbringung des LW-Senders errichtet, sondern vor allem auch, um einen würdigen Rahmen für große Publikumsveranstaltungen des damals ursprünglich geplanten (aber nie verwirklichten) europäischen Fernsehsenders "Europa 1 Television" zu bieten (siehe dazu weiter oben im Text unter dem 4. Bild dieser Seite). Weil es wegen des politischen Wandels im Saarland nach 1955 aber nicht mehr zu einer Eröffnung dieses TV-Senders kam, hat man die große Halle sechseinhalb Jahrzehnte lang nur für den technischen Betrieb des Langwellensenders "Europe No. 1" verwendet (seit 1983 heißt er "Europe 1"), der jetzt in die neue, kleinere Halle umgezogen ist (s. oben!). Von seiner Abwärme wurde die große Halle während dieser Zeit auch beheizt. Die Gemeinde Überherrn wird sich als deren neue Eigentümerin nun eine neue Lösung für ihre Heizung einfallen lassen müssen...

 


 

 

Verwendete Publikationen zum Thema Europe No 1:

 

- Andreas Fickers: Die Anfänge des kommerziellen Rundfunks im Saarland und Paul Burgard: Die Saarlandmacher.

        In: Clemens Zimmermann/Rainer Hudemann/Michael Kuderna (Hg.). Medienlandschaft Saar von 1945 bis in die Gegenwart.

        Band 1: Medien zwischen Demokratisierung und Kontrolle (1945 - 1955). München 2010

- Fritz Raff, Axel Buchholz, Hg.: Geschichte und Geschichten des Senders an der Saar - 50 Jahre Saarländischer Rundfunk

 

http://www.wabweb.net/radio/frames/lwf.htm

http://www.asamnet.de/~bienerhj/0183.html

http://tvignaud.pagesperso-orange.fr/am/e1/fr-e1.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Sender_Felsberg-Berus

http://de.wikipedia.org/wiki/Europe_1

http://fr.wikipedia.org/wiki/Europe_1

http://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89metteur_d%27Europe_1

http://www.radioeins.de/programm/sendungen/medienmagazin/radio_news/beitraege/2016/felsberg.html

 

Video über Europe 1 (in französischer Sprache):

http://www.dailymotion.com/video/x14qbtz_au-coeur-de-l-histoire-d-europe-1-avec-franck-ferrand_news

        


 

Weitere Bilder von den Sende-Anlagen und -Antennen sowie vom Antennen-Unfall 2012 finden Sie > auf dieser Seite.

Wie 1959 einer der über 270 m hohen Sendemaste um 102 Meter verschoben wurde: > Sonderseite "Sendemast auf Wanderschaft"

 

 

 

Inhalt des Kapitels RADIO UND FERNSEHEN:

 

1)  Geschichte des Rundfunks im Saarland (von 1929 bis 1959 und später)

  

2)  Radio Saarbrücken:

     a)  Der Heimatsender der Saarländer

     b)  Radio-Erinnerungen

     c)  Reporter und Übertragungswagen

     d)  Die Familie Weissenbach  (die beliebten Moderatoren Gerdi und Fritz)

     e)  Die Saarlandbrille  (beliebte Sonntagssendung mit "Zick, Zack & Marieche")     

     f )  Die Wartburg (das Funkhaus von Radio Saarbrücken)

     g)  Der Mittelwellen-Sender Heusweiler  /  Bilder vom Heusweiler Sender

 

3)  Fernsehen im Saarland der 50er Jahre: Von TELESAAR zum SR-Fernsehen

 

4)  Europe 1

     a)  Der private französische Langwellensender Europe No 1     

     b)  Die Antennen-Anlage von Europe 1 und  Mastbruch 2012

     c)  Ein Sendemast ging auf Wanderschaft!

 

  

5)  Radio- und Fernsehgeräte aus saarländischer Produktion

 

 

Diese Seite wurde begonnen am 12.8.2012; zuletzt bearbeitet am 24.6.2018

 

 

 

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